Aus dem Editorial:
Man brauche in der Asylpolitik eben »eine gewisse Härte«, vermerkte jüngst der Jurist Daniel Thym, als er im Spiegel auf die faktische Aussetzung des Schengen-Abkommens durch die Bundesregierung angesprochen wurde. Ob bei Migrationsabkommen mit autokratischen Herrschern oder im Rahmen der europäischen Aufrüstung der sogenannten libyschen Küstenwache: »Alle«, so Thym, seien »gern bereit, diese Härte zu akzeptieren, solange sie nicht sichtbar ist.« Neu sei lediglich, dass diese »drastischen Mittel […] nun auch im Inland« eingesetzt würden. Die unionsgeführte Bundesregierung argumentiert hingegen explizit mit einer »migrationspolitischen Wende«; also einem grundlegenden Kurswechsel. Der Diagnose eines grundlegenden Wandels stimmen auch Expert*innen wie der Rat für Migration zu, wenngleich sie anmerken, dass bereits die vorherige Idee, ein freies Europa durch »gesicherte Außengrenzen« zu erreichen, auf dem nicht einlösbaren Versprechen aufbaut, Migrationskontrolle durch Rechteabbau und Gewalt in den Grenzzonen zu erreichen. Diese Grenzzonen werden derzeit fortlaufend neu definiert und nach innen ausgeweitet, wo der versuchte Grenzschutz damit Stück für Stück zentrale Grundlagen der europäischen Einigung und des Rechtssystems aushöhlt.
Solche Prozesse, in denen das andauernde Grenzspektakel eine defensivere und geschlossenere Gesellschaft produziert, wurden in den letzten Jahren vor allem für die USA beschrieben. Seit einiger Zeit werden diese Dynamiken aber auch zunehmend für Europa vermerkt, wo das Ausgreifen der Grenzen ins Innere ebenfalls zu einer Transformation der normativen und symbolischen Ordnung der europäischen Gemeinschaft und ihrer Mitgliedsstaaten führt. Und genau darauf zielt letztlich auch Thyms Argument ab, wenn er postuliert: »Wir müssen die Menschenrechte weniger streng handhaben.«
Dieses gegenwärtige Beispiel ist Teil eines größeren innergesellschaftlichen Konflikts, dessen Intensität und Dauer zeigen, dass keineswegs »alle« (Thym) eine auf Härte setzende Grenz- und Migrationspolitik akzeptieren. Wie die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger analysiert, geht es dabei zwar vordergründig um Migration, im Tieferen jedoch um die Normalisierung politischer Härte und Gewalt. Vor diesem Hintergrund sehen wir zwei Notwendigkeiten: Erstens braucht es Konzepte und Begriffe, um diesen Prozess zu erfassen, in dem mittels Grenzdiskursen ein weitergehender gesellschaftspolitischer Wandel initiiert, gerahmt und ausgehandelt wird. Zweitens bedarf dieser Prozess angesichts einer weitgehend geschichtsvergessenen migrationspolitischen Debatte einer Historisierung. Für beides möchte dieses Themenheft von WerkstattGeschichte einige Ansatzpunkte präsentieren.
Inhalt WERKSTATTGESCHICHTE | Heft 93
Thema
Levke Harders
Grenzinternalisierung durch Bürokratie. Zugehörigkeit und Verwaltung im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts
Abstract / Kurz-Bio
Maximilian Pichl
»Die Arbeiter haben kein Vaterland«. Zum Verhältnis von Klassenpolitik, Nationalismus und der Frage der Migration
Abstract / Kurz-Bio
Frank Wolff
The Ambiguities of European Integration between Peacebuilding, Cold War Bordering, and Coloniality
Abstract / Kurz-Bio
Jochen Lingelbach
Stacheldraht an der Grenze. Kurze Emotionsgeschichte eines gefährlichen Objekts zwischen Angst und Empathie
Abstract / Kurz-Bio
Sabine Hess
Von der polnisch-belarussischen Grenze zurückgeblickt. Zur Genese des erweiterten deutsch-polnischen Grenzregimes seit 1990
Abstract / Kurz-Bio
Im Gespräch
Agnès Arp, Axel Doßmann und Franka Maubach
Nach-Denken über LN. Ein Gespräch über Lutz Niethammer (1939–2025)
Abstract / Kurz-Bio | Download
Werkstatt
Katja Jana
Fedora, Kalpak, or Fez. Modern Ottoman Dress between National Authenticity and Bourgeois Universality
Abstract / Kurz-Bio
Interview
Sarah Frenking
Eine Geschichte von Ausgrenzung, Arbeitszwang und Abweichung. Interview mit dem Initiativkreis Riebeckstraße 63 zum gleichnamigen Erinnerungsort und der prekären Situation historischer Bildungsarbeit in Sachsen
Abstract / Kurz-Bio
Dingfest
Emmanuel Nga Atangana, Dechanel Kouameney Tankeu und Richard Hölzl
Dzom So’o – eine kulturelle Entität im transnationalen Forschungsdialog
Kurz-Bio
Rezensionen
Hannah Ahlheim
Neu gelesen: Jaques Rancières Die Nacht der Proletarier
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Hans Peter Hahn
Cornelia Essner, Schädel, Steine und Studenten
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Magnus Ressel
Caitlin Rosenthal, Sklaverei bilanzieren
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Christoph Beitl
Anna Delius, Working on Rights
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Josef Köstlbauer
Manja Quakatz, Osmanische Kriegsgefangene im Reich
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Felipe Barradas Correia Castro Bastos
Andreas Zeman, The Winds of History
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Anna Elisabeth Keim
Manuela Rienks, Ausverkauft
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Richard Hölzl
Katharina Stornig, Spenden, Retten, Helfen
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Christian Geulen
Anna Danilina, Ethiken der Essenz
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Philipp Müller
Christian Jarling, Von Siedlern und Sammlern
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