Nr. 93 | grenzen internalisieren | Abstract

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Jochen Lingelbach

[ DEUTSCH | ENGLISH | Kurz-Bio]

Stacheldraht an der Grenze. Kurze Emotionsgeschichte eines gefährlichen Objekts zwischen Angst und Empathie

Stacheldraht ist in der bildlichen Repräsentation von Grenzen bis heute nicht wegzudenken. Er macht Grenzziehungen sichtbar, normalisiert oder skandalisiert sie. Anhand von Kontroversen um die Nutzung von Stacheldraht im kolonialen Kontext und in der jüngeren Migrationsabwehr argumentiere ich in diesem Beitrag, dass die emotionale Wirkmacht von Stacheldraht von der engen Verbindung des Objekts mit Gefahr einhergeht. Die Gefährlichkeit des Stacheldrahts kann entweder Angst vor den Anderen oder Mitgefühl mit ihnen auslösen – je nachdem, wie Einzelne im Verhältnis dazu positioniert sind. Die affektive Reaktion verweist damit auf gesellschaftliche Grenzziehungen zwischen sozialen Gruppen. Stacheldrahtbewährte Zäune um Lager oder an Grenzen konstruieren die Menschen auf der anderen Seite als potenziell gefährliche Andere und wirken damit auch in Gesellschaften hinein. Doch gerade die körperlich nachfühlbare rohe Gewalt durch die metallenen Stacheln kann auch zu Gefühlen menschlicher Verbundenheit über den Zaun hinweg führen. Anhand historischer Kontroversen um die emotionale Bewertung dieser wandelbaren Technik der Kontrolle von Körpern im Raum wird dabei ihrer Bedeutung in der Internalisierung von Grenzziehungen nachgespürt.

[ ENGLISCH | DEUTSCH]

Barbed Wire at the Border. A Brief History of Emotions About a Dangerous Object Between Fear and Empathy

Barbed wire remains an indispensable part of the visual representation of borders to this day. It makes borders visible, normalizes them, or scandalizes them. Based on controversies about the use of barbed wire in colonial contexts and in recent measures against migration, I argue in this article that the emotional impact of barbed wire is linked to the object’s close association with danger. The dangerous nature of barbed wire can trigger either fear of others or compassion for them, depending on how individuals position themselves. The affective reaction thus refers to social boun­daries between social groups. Barbed wire fences around camps or at borders construct the people on the other side as potentially dangerous others and thus have an impact on societies. However, the bo­dily palpable raw violence of the metal spikes can also lead to feelings of human connection across the fence. The significance of this flexible technology for controlling bodies in space in the internalization of boundaries is explored based on historical controversies surrounding its emotional evaluation.

Kurz-Bio: Jochen Lingelbach

Jochen Lingelbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Geschichte Afrikas und Mitglied des Exzellenzclusters »Africa multiple« an der Universität Bayreuth. Er hat an der Universität Leipzig zur Geschichte polnischer Geflüchteter in Ostafrika promoviert und dies 2020 unter dem Titel On the Edges of Whiteness. Polish Refugees in British Colonial Africa during and after the Second World War bei Berghahn (New York) veröf­fentlicht. Seine Schwerpunkte liegen in der globalen Geschichte von Lagern, Flucht, Migration, Kolonialismus und Mobilität.

E-Mail: jochen.lingelbach@uni-bayreuth.de

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