Sabine Hess
Von der polnisch-belarussischen Grenze zurückgeblickt. Zur Genese des erweiterten deutsch-polnischen Grenzregimes seit 1990
Auf Basis einer erneuten Sichtung von Quellen der deutschen Asyldebatte, der sie grundierenden explodierenden rassistischen Gewalt in den frühen 1990er Jahren sowie der Europäisierung der Asyl- und Grenzpolitik zeichnet der Beitrag die Entwicklungen zum EU-europäischen Grenzregime als maßgeblich von den deutschen internen Dynamiken angetriebenen Prozess nach. Dabei wird die Verschränkung zwischen interner rassistischer Gewaltdynamik und dem Entstehen eines gewaltvollen deutsch-polnischen Grenzregimes in den 1990er Jahren herausgearbeitet, welches vergleichbare Todeszahlen hervorbrachte, wie sie derzeit an der polnisch-belarussischen Grenze dokumentiert werden. Zum anderen zeichnet die Autorin nach, wie der deutsche sogenannte Asylkompromiss von 1993 die Externalisierung der Grenz- und Migrationskontrolle antrieb und wie Deutschland dies insbesondere gegenüber Polen praktizierte, sodass das heutige gewaltvolle Grenzgeschehen an der polnisch-belarussischen Grenze als Folge des deutsch-polnischen Grenzregimes der 1990er Jahre lesbar wird.
Looking Back from the Polish-Belarusian Border. The Genesis of the Expanded German-Polish Border Regime since 1990
Based on a renewed examination of sources from the German asylum debate, the underlying explosion of racist violence in the early 1990s, and the Europeanization of the asylum and border policy, this article traces the developments in the EU-European border regime as a process driven largely by internal German dynamics. It highlights the intertwining of internal racist violence and the emergence of a violent German-Polish border regime in the 1990s, which resulted in a death toll comparable to that currently documented at the Polish-Belarusian border. Additionally, the author traces how the German so-called asylum compromise of 1993 already triggered a policy of externalization of border and migration control and how Germany practiced this towards Poland in particular, so that today’s border violence on the Polish-Belarusian border can be understood as a consequence of the German-Polish border regime of the 1990s.
Kurz-Bio: Sabine Hess
Sabine Hess ist politische Anthropologin und arbeitet als Professorin für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität Göttingen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Migrations-, Grenzregime- und kritische Rassismusforschung sowie kulturanthropologische Geschlechterforschung. Sie hat das Netzwerk für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, das Open Access online Journal Movements, als auch zahlreiche Drittmittelprojekte mitinitiiert, u.a. das Graduiertenkolleg »Mobility Rights in the global Context of Multiple Crisis«.
E-Mail: shess@uni-goettingen.de