Nr. 93 | grenzen internalisieren | Abstract

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Frank Wolff

[ DEUTSCH | ENGLISH | Kurz-Bio]

Die Mehrdeutigkeiten der europäischen Integration zwischen Friedensförderung, Grenzen des Kalten Krieges und Kolonialität

Die Geschichte der europäischen Integration geht nicht in der des Friedensprojekts durch gemeinschaftlich gesenkte Grenzen auf. Zu ihr gehört auch Kolonialität als ein zentraler Faktor des nach außen gerichteten europäischen border work. Kolonialität war dabei nicht nur historisches Erbe, sondern konditionierte, wie im Europa des Kalten Kriegs über Grenzen gedacht wurde. Dieser Artikel identifiziert drei Arten, auf denen das junge Projekt Europa die Sprache der Kolonialität zur Selbstfindung nutzte: als Anachronismuserzählung, die eine zeitliche Grenze zwischen kolonialer Vergangenheit und dem neuen, angeblich a-kolonialen Europa zog, als Praxis, die Europas Südgrenze verhärtete und »naturalisierte« und als Beschuldigung, die dazu diente, einen sowjetischen Imperialismus und die ihm allein angelastete Verhärtung der Ostgrenze anzugreifen. Diese teils widersprüchliche Sprache der Kolonialität formte das Grenzdenken des sich integrierenden Europas und wurde als Grundlage des europäischen Selbstverständnisses internalisiert. Damit strebt der Artikel an, eine Schnittstelle zwischen Kolonialgeschichte, der Intellectual History der europäischen Integration und der kritischen Grenzforschung auszuleuchten.

[ ENGLISCH | DEUTSCH]

The Ambiguities of European Integration between Peacebuilding, Cold War Bordering, and Coloniality

Apart from a project of peace through lowered borders, the history of European integra­tion should also be seen in light of how coloniality shaped its external border work. The language and realities of coloniality framed debates on Europe’s external boundaries not merely as a past le­gacy but also as a structuring present during the era of decolonization and the Cold War. As these boundaries were internalized into European self-perception, so too were the conditioning patterns of colonial thought. Focusing on early European integration, this paper identifies three partly contradictory uses of coloniality: as an anachronism to create a temporal demarcation between a colonial past and the integrating, supposedly a-colonial Europe; as a practice reinventing and »naturali­zing« Europe’s southern borders; and finally, as an accusation, condemning Soviet imperialism and politicizing the eastern borders. Each of these usages contributed to border work and produced inherent contradictions which came to shape the European project. In tracing this process, the aim is to carve out a junction between colonial history, the intellectual currents underpinning European integration, and critical border studies.

Kurz-Bio: Frank Wolff

Frank Wolff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stif­tung in Berlin und Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte von Grenzen und Mi­gration, der Arbeiterbewegung und des globalen Europas. 2023/24 war er Co-Leiter der internationalen Forschungsgruppe »Internalizing Borders: The Social and Normative Consequences of the European Border Regime« am Zentrum für Interdisziplinäre For­schungen der Universität Bielefeld. Zuletzt erschienen u.a.: Academics in a Century of Displacement: The Global History and Politics of Protecting Endangered Scholars (mit Pascale Laborier, Leyla Dakhli, 2024) und Hinter Mauern: Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft (mit Volker Heins, 2023).

E-Mail: f.wolff@willy-brandt.de

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