
Man brauche in der Asylpolitik eben »eine gewisse Härte«, vermerkte jüngst der Jurist Daniel Thym, als er im Spiegel auf die faktische Aussetzung des Schengen-Abkommens durch die Bundesregierung angesprochen wurde. Ob bei Migrationsabkommen mit autokratischen Herrschern oder im Rahmen der europäischen Aufrüstung der sogenannten libyschen Küstenwache: »Alle«, so Thym, seien »gern bereit, diese Härte zu akzeptieren, solange sie nicht sichtbar ist.« Neu sei lediglich, dass diese »drastischen Mittel […] nun auch im Inland« eingesetzt würden.[1] Die unionsgeführte Bundesregierung argumentiert hingegen explizit mit einer »migrationspolitischen Wende«; also einem grundlegenden Kurswechsel. Der Diagnose eines grundlegenden Wandels stimmen auch Expert*innen wie der Rat für Migration zu, wenngleich sie anmerken, dass bereits die vorherige Idee, ein freies Europa durch »gesicherte Außengrenzen« zu erreichen, auf dem nicht einlösbaren Versprechen aufbaut, Migrationskontrolle durch Rechteabbau und Gewalt in den Grenzzonen zu erreichen.[2] Diese Grenzzonen werden derzeit fortlaufend neu definiert und nach innen ausgeweitet, wo der versuchte Grenzschutz damit Stück für Stück zentrale Grundlagen der europäischen Einigung und des Rechtssystems aushöhlt.[3]
Solche Prozesse, in denen das andauernde Grenzspektakel eine defensivere und geschlossenere Gesellschaft produziert, wurden in den letzten Jahren vor allem für die USA beschrieben.[4] Seit einiger Zeit werden diese Dynamiken aber auch zunehmend für Europa vermerkt, wo das Ausgreifen der Grenzen ins Innere ebenfalls zu einer Transformation der normativen und symbolischen Ordnung der europäischen Gemeinschaft und ihrer Mitgliedsstaaten führt.[5] Und genau darauf zielt letztlich auch Thyms Argument ab, wenn er postuliert: »Wir müssen die Menschenrechte weniger streng handhaben.«[6]
Dieses gegenwärtige Beispiel ist Teil eines größeren innergesellschaftlichen Konflikts, dessen Intensität und Dauer zeigen, dass keineswegs »alle« (Thym) eine auf Härte setzende Grenz- und Migrationspolitik akzeptieren. Wie die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger analysiert, geht es dabei zwar vordergründig um Migration, im Tieferen jedoch um die Normalisierung politischer Härte und Gewalt.[7] Vor diesem Hintergrund sehen wir zwei Notwendigkeiten: Erstens braucht es Konzepte und Begriffe, um diesen Prozess zu erfassen, in dem mittels Grenzdiskursen ein weitergehender gesellschaftspolitischer Wandel initiiert, gerahmt und ausgehandelt wird. Zweitens bedarf dieser Prozess angesichts einer weitgehend geschichtsvergessenen migrationspolitischen Debatte einer Historisierung. Für beides möchte dieses Themenheft von WerkstattGeschichte einige Ansatzpunkte präsentieren.[8]
Im Hinblick auf die terminologische Erfassung des Prozesses schlagen wir den Begriff der »Grenzinternalisierung« vor. Damit schließen wir an die kritische Grenz- und Migrationsforschung an, die Grenzen als Teil eines Regimes der Migrationsregulierung und zur Ordnung politischer Zugehörigkeiten begreift.[9] In zwei großen Strömungen hat sie sich einerseits auf die Untersuchung der Grenzexternalisierung und andererseits auf innere Grenzziehungen konzentriert.[10] Unterbelichtet bleibt dabei die Frage, wie sich Grenzprozesse auf jene Gesellschaften und damit auch gesellschaftliche Mehrheiten auswirken, die eben diese Grenzen errichten und gestalten.
Mit unserem Zugang möchten wir die Wechselwirkungen zwischen Grenze und Gesellschaft in den Mittelpunkt rücken: einerseits im Rahmen der Grenzforschung und der Frage nach den gesellschaftlichen Effekten von Grenzen, andererseits im Kontext einer Gesellschaftsgeschichte, die das Verhältnis zwischen sozialer Entwicklung und Grenzprozessen in den Blick nimmt. Unter der Internalisierung von Grenzen verstehen wir jenen Prozess, in dem Grenzpraktiken, -diskurse, -infrastrukturen und -politiken auf die soziale, politische und affektive Konstitution von Gesellschaft einwirken und so die Grenze – in ihrer jeweiligen spezifischen Form – überhaupt erst denk- und umsetzbar machen. Grenzinternalisierung ist also weniger ein Konzept, um Fragen der Migrationsregulation selbst zu qualifizieren, sondern vielmehr ein Ansatz, die weitere Wirkung der praktischen Ausgestaltung von Grenzen in den Blick zu bekommen. Wir fragen, wie Grenzen mit Gesellschaften interagieren, da sie diese nicht nur »schützen«, sondern auch verändern.[11]
Diese Überlegungen schließen an die Grenzforschung an, der zufolge Grenzen Staaten nicht nur voneinander trennen, sondern auch wichtige politische und soziale Kontaktzonen darstellen.[12] Oft werden Grenzen dabei nach Georg Simmel als Zonen des Übergangs gedacht, in denen sich soziale Faktoren räumlich niederschlagen.[13] Steht hierbei die soziale und politische Konditionierung von Grenzprozessen im Vordergrund,[14] fragt die Untersuchung von Grenzinternalisierung insbesondere, wie sich unterschiedliche Grenzpraktiken auf die Formierung jener Staaten und Gesellschaften auswirken, die diese Grenzen errichten. Hierzu liegen insbesondere für die US-amerikanische Geschichte erste wegweisende Studien vor[15], während dies für die europäische Geschichte eine recht neue Frage ist.
Dass Grenzprozesse auf Gesellschaft zurückwirken, ist dabei eigentlich keine Besonderheit. Dieser Gedanke ist Ausgangspunkt des gesamten europäischen Friedensprojekts, von der Überwindung der deutsch-französischen Feindschaft über den Abbau von Handelshindernissen und den Aufbau einer gemeinsam abgestimmten Wirtschaftspolitik bis zu sozialen Vernetzungsinitiativen wie dem Erasmus-Programm. Ebenso prägt dieser Gedanke die Geschichte moderner Staatlichkeit insbesondere in Kontinentaleuropa, wo die aus dezentralen Nationalbewegungen entstandene Form des klar umgrenzten Nationalstaats nicht nur die repräsentative Demokratie ermöglichte, sondern auch zu Vertreibungen und Völkermorden führte.[16] Grenzen können also vielfältig auf Gesellschaften zurückwirken – von der gewalttätigen Umsetzung nationalistischer Reinheitsfantasien bis zum Abbau eben jener Feindbilder und damit der Schaffung gemeinschaftlicher Kooperationsräume. Entsprechend ist Grenzinternalisierung an sich kein normatives Konzept, sondern ebenso offen wie der Prozess, in dem Grenzen und Gesellschaften interagieren. Abhängig von der Art der Grenzregime kann dieser Prozess auf Gesellschaften öffnend oder schließend wirken.
Dies führt uns zum zweiten Anliegen dieses Themenhefts, der Historisierung dieses Prozesses im Lichte sich wandelnder Grenzverständnisse und -praktiken. Grenzinternalisierung suggeriert keine monodirektionale Kausalität, sondern betrachtet Dynamiken und Übertragungen in unterschiedliche Richtungen: von der Grenze in die Gesellschaft und zurück. Insbesondere aus historischer Sicht bleibt die gegenseitige Bedingtheit von sozialem Wandel und Grenzgestaltung bislang unterbelichtet.[17] Etwas überspitzt gesagt: So wie die klassische Sozialgeschichte Grenzen als Rahmen der untersuchten nationalen Gesellschaft für gegeben angenommen hat, hat sich die Geschichte von Grenzen lange auf den Grenzraum fokussiert, ohne tiefer in die Gesellschaften zu blicken, die diesen überhaupt konstituierten.
Diesen Übertragungsprozess untersuchen die hier im Themenheft versammelten Studien zur Internalisierung von Grenzen exemplarisch, indem sie Momente der Grenzinternalisierung im Rahmen von Ordnungsvorstellungen, Symboliken und Praktiken nachzeichnen. Wie wirkt das, was an den Grenzen geschieht, auf Gesellschaften innerhalb dieser Grenzen? Und wie hängen innergesellschaftliche Grenzziehungen und Zugehörigkeitsvorstellungen mit der Ausgestaltung von Grenzregimen zusammen? Welche Genealogien haben aktuelle Grenzregime in Europa und darüber hinaus?
Grenzvorstellungen und -praktiken unterscheiden sich regional und zeitlich stark voneinander. Dienten Grenzen als weit gefasste Räume lange Zeit vor allem der geostrategischen, ökonomischen und symbolischen Legitimation von Staatlichkeit, entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts und im Zuge der Nationalisierung (und auch Rassifizierung) des Staates ein lineares Grenzdenken, das Grenzen im Sinne einer den Volkskörper schützenden Außenhaut verstand.[18] Dabei erhielt die Grenze eine neue biopolitische Kontrollfunktion über die Zusammensetzung einer Bevölkerung auf dem Staatsterritorium. Diese war aber vorerst eher gedacht als ausgebaut und wurde nur langsam immer mehr auf Migration ausgerichtet. Administration, Recht und auch Bildung wirkten abgrenzend, während Grenzkontrollen lange alles andere als umfassend waren. Im 20. Jahrhundert erfolgten unterschiedliche Versuche des Grenzausbaus, von der Steuerung durch Vorkontrollen im Pass- und Visasystem (remote border control)[19] über den Ausbau interner Grenzen[20] bis hin zur Fortifizierung populärer Einwanderungsziele und letztlich auch von »grünen Grenzen«.[21] Diese Maßnahmen sollten eine Gesellschaft oder einen Staat sichern, bedurften aber aufgrund ihres immer weiter ausgreifenden Anspruchs und der (durch moderne Technik und Organisationsformen an Dynamik gewinnenden) »Autonomie der Migration« selbst immer mehr Absicherung. Grenzschutz bedeutet darum einerseits, dass man sich von einer Grenze Schutz erhofft, de facto aber andererseits diese Grenze selbst immer mehr Schutz benötigt. Dabei zielte staatliche Kontrolle insbesondere auf marginalisierte Menschen und Gruppen, die aufgrund von Klasse, Geschlecht, Religion, politischen Einstellungen, Staatsangehörigkeit oder race kategorisiert und überwacht wurden.[22] Je umfassender diese Grenzregime geraten, je mehr Fläche kontrolliert werden soll, desto mehr benötigen die Grenzsicherungsapparate die Unterstützung jener Teile von Staat und Gesellschaft, die sie eigentlich entlasten sollten. Historisch zeigte sich hierbei, dass diese Maßnahmen immer wieder in Konflikt mit anderen Fundierungen moderner Staatlichkeit gerieten, insbesondere der Gewaltenteilung und den Menschenrechten, die seit den 1970er Jahren für die Regulierung von gesellschaftlichen Binnenverhältnissen und die internationale Ordnung zunehmend relevant wurden.[23]
Das heißt nicht, dass frühere Gesellschaften nicht ebenfalls bestimmte Menschen ausgrenzten, sondern dass Grenzen andere Funktionen besaßen und dass Migrationsregulation andernorts praktiziert wurde. Grenzen wurden darum erst Träger biopolitischer Steuerungshoffnungen, als sich Konzepte von Nation, Territorium, Staatsvolk und Souveränität durchsetzten. Der Soziologe William Walters erfasst diesen langen und widersprüchlichen Prozess, in dem Grenzen einerseits neue, gesellschaftsbildende Funktionen übertragen bekamen und andererseits zugleich immer weniger als politische Schöpfungen erkannt wurden, als die »Naturalisierung« von Grenzen.[24] Die damit einhergehende – und gegenwärtig besonders betonte – Essenzialisierung von Grenzen als biopolitische Kontrollinstitutionen befördert Steuerungsillusionen, die ihrerseits wiederum Sicherheits- und Unsicherheitsgefühle in den sich eingrenzenden Gesellschaften produzieren. Die Forderung nach verschärften Maßnahmen und das »erfolgreiche Scheitern« der Grenzen an den Aufgaben der biopolitischen Kontrolle untergraben liberale Kontrollmechanismen und können autoritäre Tendenzen innerhalb der Gesellschaften weiter befördern.[25] Jedoch sind weder die Liberalisierung von Grenzen und Gesellschaften noch die verschärfte Grenzbefestigung und die regressive Grenzinternalisierung lineare oder irreversible Prozesse. Stets sind Konflikte, Proteste, Situationen und Entscheidungen möglich, die die Erwartungen an Grenzen und ihre Strukturierung in die eine oder andere Richtung entwickeln können. Ein Beispiel hierfür wäre die Abkehr der USA vom eugenisch inspirierten Quotenprinzip und die damit verbundene »Wiederentdeckung« der USA als Einwanderungsland in den 1950er Jahren.[26]
In diesem Heft wollen wir an geografisch wie zeitlich weitgefächerten Beispielen Prozesse der Internalisierung von Grenzen exemplarisch betrachten.
Im ersten Beitrag zeichnet Levke Harders anhand bürokratischer Diskussionen über Einbürgerungen im deutsch-dänischen Grenzgebiet zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach, wie individuelle Ein- und Ausschlüsse verhandelt wurden. Hier ging es nicht darum, das Überschreiten von territorialen Grenzen zu kontrollieren, sondern vielmehr die mit formaler Zugehörigkeit zusammenhängenden Privilegien und Rechte auszuhandeln. Anhand der Diskussion über die Einbürgerungsgesuche zweier Beamter zeigt sich, dass die Entscheidungen individuell und teilweise kontingent waren. Netzwerke, Beziehungen, Zuschreibungen und Fähigkeiten waren entscheidend bei der Frage, wer Teil der Gemeinschaft werden durfte. Die Grenzziehung, die über Zugehörigkeit entschied, wurde in bürokratischen Prozessen festgelegt, ohne dass bereits Kontrollhoffnungen auf eine das Staatsgebiet rahmende, territoriale Linie projiziert wurden.
An der Wende zum 20. Jahrhundert, mit der sich der Beitrag von Maximilian Pichl beschäftigt, wurde die Frage der Zugehörigkeit hingegen weitgehend an nationalen Unterscheidungen festgemacht. Diese Überzeugung war innerhalb der Arbeiterbewegung allerdings umkämpft. Die Spannung zwischen national organisierten Arbeiterschaften und internationalistischer Klassensolidarität prägte zentrale Debatten auf dem Kongress der Sozialistischen Internationalen 1907 und danach. Positionen, die sich gegen Migration stellten, weil sie darin in erster Linie eine Triebkraft des Lohndumpings sahen, waren in den amerikanischen und europäischen Arbeiterbewegungen keineswegs hegemonial. Sie standen immer auch pro-migrantischen, gleiche Rechte für alle fordernden Stimmen gegenüber. Während die einen auf die Internalisierung eines grenzüberschreitenden Klassenbewusstseins und auf Änderungen im Arbeits- und Sozialrecht pochten, forderten andere den Schutz nationaler Arbeitsverhältnisse (und einer national definierten Arbeiterschaft) durch nationale Grenzen. Pichl zufolge wurde dieser Konflikt über die Bedeutung von Grenzen in die Geschichte der Sozialdemokratie internalisiert, wo er bis heute sichtbar bleibt.
Frank Wolff untersucht in seinem Beitrag die Debatten über die europäischen Außengrenzen Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Rahmen einer »intellectual history« des europäischen Grenzdenkens zeichnet er drei unterschiedliche Ansätze nach, in denen koloniale bzw. imperiale Denkfiguren genutzt wurden, um das neue Europa vorstellbar zu machen. Einerseits galt es, das sich integrierende Europa von der Vergangenheit und dem Sowjetkommunismus abzugrenzen. Andererseits waren federführende europäische Staaten gerade in jenen Jahren auch damit befasst, das europäische Projekt mit dem Machterhalt über ihre Kolonien zu verbinden. Obgleich sich das politikgeschichtlich neue europäische Projekt als jenseits imperialer Geschichte verstand, übertrugen sich so auf mehreren Ebenen zentrale koloniale Denkmuster in seine Grundsubstanz. Die Internalisierung dieses Grenzdenkens verankerte sowohl die verbindende Friedenspolitik wie auch das Abgrenzungsdenken einer europäischen Zivilisation gegenüber einer gefährlichen Außenwelt und dem damit einhergehenden nach außen gewandten Kontrollanspruch tief im europäischen Projekt. Dies prägt noch heute die Ansätze und Möglichkeiten der europäischen Selbstwahrnehmung und Außenbeziehungen.
Die emotionale Bedeutung von Stacheldraht für die Grenzinternalisierung skizziert Jochen Lingelbach in seinem Beitrag. In der Repräsentation von Grenzen des 20. und 21. Jahrhunderts sind Stacheldrahtzäune allgegenwärtig. Sie entfalten auf zweierlei Weise eine emotionale Wucht, die weit in die Gesellschaft hineinwirkt: Einerseits wird die inhärente Gefährlichkeit des Stacheldrahts auf das Andere, was dahinter ist, übertragen. Andererseits dient die willkürliche Gewalt des Drahts auch der Anrufung des Mitgefühls über den Zaun hinweg. Räumliche und soziale Grenzziehungen entlang nationaler, vergeschlechtlichter und rassifizierter Kategorien wirken in der Repräsentation und Bewertung von Stacheldrahtzäunen zusammen. Im Beitrag untersucht Lingelbach dies exemplarisch an Beispielen aus der kolonialen Geschichte des südlichen Afrikas sowie an Debatten um Stacheldraht an europäischen Lagern und Grenzen der jüngsten Vergangenheit. In beiden Fällen finden sich ähnliche Themen der Mensch-Tier-Beziehungen, der Angst, des Mitgefühls und der Abwehr.
Sabine Hess untersucht in ihrem Beitrag die jüngste Geschichte des deutsch-polnischen Grenzraums von der Gewalt in der Transformationszeit der 1990er Jahre über die Externalisierung der Grenzgewalt an die polnisch-belarussische Grenze bis zur neuerlichen Rückkehr der Grenzkontrollen. Der Beitrag verdeutlicht, wie diese Grenzpraktiken und -politiken eng mit innergesellschaftlichem Rechtsruck und rassistischer Gewalt verbunden sind und waren. So zeichnet Hess nach, wie aus der jüngsten Zeitgeschichte bis in die Gegenwart hinein Grenzinternalisierung den erweiterten Grenzraum und gesellschaftliche Entwicklungen verbindet und dabei die Toleranz von Rechtsbruch und Gewalt zunimmt.
Im Mittelteil des Heftes begeben sich Agnès Arp, Axel Doßmann und Franka Maubach ins Gespräch über Lutz Niethammer († 2025). In der Alltagsgeschichte, Oral History oder Erinnerungskultur, die zugleich zu zentralen Feldern von WerkstattGeschichte zählen, hat er ebenso seine großen Spuren hinterlassen wie als Mensch, Kollege und Freund. Im Blick auf seine Person lässt sich zugleich über Zugänge zur und Ansprüche an die Geschichtsschreibung nach-denken.
Katja Jana diskutiert in der Rubrik Werkstatt die Kleidungspolitik des Osmanischen Reichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Anhand eines Fallbeispiels zu einer vermeintlich falschen Kopfbedeckung eines osmanischen Untertanen zeigt sie auf, welche Rolle Kleidung bei der Zuschreibung von Zugehörigkeit und Identität spielte und wie sich dabei nationale und globale Dynamiken widerspiegelten. Die Modernisierung des Osmanischen Reichs war bei Mode und Kleidung kein Projekt von oben, sondern entstand aus den sozialen Praktiken der Beteiligten.
Im Interview sprach Sarah Frenking mit Ella Falldorf und Daniel Schuch vom Leipziger Initiativkreis Riebeckstraße 63 e.V., der sich für die historische Bildungsarbeit am gleichnamigen Erinnerungsort engagiert. Die Gebäude an der Riebeckstraße 63 wurden über die verschiedenen politischen Systeme hinweg (Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, DDR) genutzt, um die Ausgrenzung von Menschen zu organisieren, deren Verhalten vermeintlich von der gesellschaftlichen Norm abwich. Ella Falldorf und Daniel Schuch berichten sowohl über die Herausforderungen, die wechselvolle Geschichte dieses Ortes in eine Ausstellung zu bringen als auch von der prekären Situation der historischen Bildungsarbeit in Sachsen.
In unserer Rubrik Dingfest befassen sich Emmanuel Nga Atangana, Dechanel Kouameney Tankeu und Richard Hölzl mit der Monumentalskulptur Dzom So’o. Sie verkörpert die Kultur der Fang-Beti-Communities der Region Yaoundé (Kamerun), verweist aber auch auf die kolonialen wie nachkolonialen Überformungen derselben und die Notwendigkeit dialogischer Forschung.
Für die Expokritik hat Bettina Habsburg-Lothringen die neu eröffnete Dauerausstellung des Wien Museums besucht – eine Ausstellung, die das Museum als Ort für alle gesellschaftlichen Gruppen der Stadt versteht und mit interaktiven und gegenwartsbezogenen Elementen arbeitet.
Frank Wolff, Jochen Lingelbach und die Redaktion
[1] Daniel Thym, Wir müssen die Menschenrechte weniger streng handhaben, Der Spiegel, Nr. 12, 14.3.2025.
[2] Rat für Migration e.V., Stellungnahme: Zurückweisungen an deutschen Grenzen: Eine brandgefährliche Strategie, 2024, https://rat-fuer-migration.de/2024/09/10/zurueckweisungen-an-deutschen-grenzen-eine-brandgefaehrliche-strategie (letzter Zugriff 10.7.2025); Judith Kohlenberger, Grenzen der Gewalt. Wie Außengrenzen ins Innere wirken, Graz 2024.
[3] Rat für Migration e.V., Die Zurückweisung von Schutzsuchenden an Deutschlands Grenzen und die Angriffe auf Gerichte und Menschenrechtsorganisationen müssen beendet werden, 2025, https://rat-fuer-migration.de/2025/06/10/die-zurueckweisung-von-schutzsuchenden-an-deutschlands-grenzen-und-die-angriffe-auf-gerichte-und-menschenrechtsorganisationen-muessen-beendet-werden (letzter Zugriff 10.7.2025).
[4] Nicholas De Genova, Migrant ›Illegality‹ and Deportability in Everyday Life, in: Annual Review of Anthropology 31 (2002), S. 419–447, hier S. 436; Elizabeth F. Cohen, Illegal. How America’s Lawless Immigration Regime Threatens Us All, New York 2020; Vgl. insb. Reece Jones, Nobody is Protected. How the Border Patrol Became the Most Dangerous Police Force in the United States, Berkeley, CA 2022.
[5] Z.B. Jens Adam/Sabine Hess, Fortified Nationalism. Racializing Infrastructures and the Authoritarian Transformation of the Body Politic, in: movements 7 (2023) 2, S. 65–91.
[6] Thym, Menschenrechte.
[7] Judith Kohlenberger, Gegen die neue Härte, München 2024. Für ähnliche Argumente im britischen Kontext siehe Satnam Virdee/Brendan McGeever, Britain in Fragments. Why Things Are Falling Apart, Manchester 2023.
[8] Damit schließt dieses Heft an die Arbeit einer interdisziplinären Forschungsgruppe an, die 2023/24 am Zentrum für interdisziplinäre Forschungen der Universität Bielefeld ca. 30 Forscher*in nen aus Europa, Amerika und Afrika zusammenbrachte, um gemeinsam unter dem Titel »Internalizing Borders« den sozialen und normativen Effekten des europäischen Grenzregimes nachzugehen. Vgl. https://www.uni-bielefeld.de/einrichtungen/zif/groups/previous/borders/(letzter Zugriff 10.7.2025).
[9] Sabine Hess/Bernd Kasparek (Hg.), Grenzregime. Diskurse, Praktiken, Institutionen in Europa, Berlin 2010; Andreas Pott/Christoph Rass/Frank Wolff (Hg.), Was ist ein Migrationsregime? What Is a Migration Regime?, Wiesbaden 2018.
[10] Vgl. z.B. Étienne Balibar, What Is a Border?, in: ders., Politics and the Other Scene, London 2002, S. 75–86; Mirjana Bobić/Danica Šantić, Forced Migrations and Externalization of European Union Border Control. Serbia on the Balkan Migration Route, in: International Migration 58 (2020) 3, S. 220–234; Todd Miller, Empire of Borders. The Expansion of the US Border Around the World, New York 2019; Tara Watson/Kalee Thompson, The Borders Within. The Economics of Immigration in an Age of Fear, Chicago 2022.
[11] Volker M. Heins/Frank Wolff, Hinter Mauern. Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft, Berlin 2023.
[12] Wolfgang Schmale/Reinhard Stauber (Hg.), Menschen und Grenzen in der Frühen Neuzeit, Berlin 1998; Dirk Hoerder, Cultures in Contact. World Migrations in the Second Millennium, Durham 2002; Dominik Gerst/Maria Klessmann/Hannes Krämer (Hg.), Grenzforschung. Handbuch für Wissenschaft und Studium, Baden-Baden 2021.
[13] Georg Simmel, Soziologie des Raumes, in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich 27 (1903) 1, S. 27–71.
[14] Prominent z.B. Aristide R. Zolberg, A Nation by Design. Immigration Policy in the Fashioning of America, Cambridge 2006; Adam McKeown, Melancholy Order. Asian Migration and the Globalization of Borders, New York 2008; Steffen Mau, Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert, München 2021.
[15] Kelly Lytle Hernandez, Migra! A History of the U.S. Border Patrol, Berkeley, CA 2010; Greg Grandin, The End of the Myth. From the Frontier to the Wall in the Mind of America, New York 2019; Benjamin Hoy, A Line of Blood and Dirt. Creating the Canada-United States Border across Indigenous Lands, New York 2021.
[16] Philipp Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Berlin 2014.
[17] Vor allem zu den Quota Acts in den USA liegen hier wegweisende Arbeiten vor, z.B.: Special Issue: Immigration Restriction Then and Now, in: Journal of American History 109 (2022) 2.
[18] Vgl. insb. Friedrich Ratzel, Politische Geographie, München 1897.
[19] Aristide Zolberg, The Archeology of Remote Control, in: Andreas Fahrmeir/Olivier Faron/Patrick Weil (Hg.), Migration Control in the North Atlantic World. The Evolution of State Practices in Europe and the United States from the French Revolution to the Inter-War Period, New York 2003, S. 195–222; Almamy Sylla/Signe Cold-Ravnkilde, En Route to Europe? The Anti-Politics of Depor tation from North Africa to Mali, in: Ida Marie Savio Vammen/Signe Cold-Ravnkilde/Hans Lucht (Hg.), The Long Shadow of the Border. Migrants, Brokers, and European Border Governance in Africa, London 2023, S. 74–93.
[20] Balibar, Border; Stuart Hall, Race – The Sliding Signifier, in: Stuart Hall, The Fateful Triangle. Race, Ethnicity, Nation, Cambridge, MA 2017, S. 31–79.
[21] Wendy Brown, Walled States, Waning Sovereignty, New York 2010; Edith Sheffer, Burned Bridge. How East and West Germans Made the Iron Curtain, Oxford 2011.
[22] Maria Alexopoulou, Deutschland und die Migration. Geschichte einer Einwanderungsgesellschaft wider Willen, Stuttgart 2020; Reece Jones, White Borders. The History of Race and Immigration in the United States from Chinese Exclusion to the Border Wall, Boston 2021; Tendayi Achiume, Racial Borders, in: Georgetown Law Journal 110 (2022) 3, S. 445–508.
[23] Samuel Moyn, The Last Utopia. Human Rights in History, Cambridge, MA 2010; Jan Eckel, Die Ambivalenz des Guten. Menschenrechte in der internationalen Politik seit den 1940ern, Göttingen 2014; Frank Wolff, Die Mauergesellschaft. Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961–1989, Berlin 2019.
[24] William Walters, Mapping Schengenland. Denaturalizing the Border, in: Environment and Planning D: Society and Space 20 (2002) 5, S. 561–580.
[25] Grandin, End of the Myth; Adam/Hess, Fortified Nationalism.
[26] Oscar Handlin, The Uprooted. The Epic Story of the Great Migrations that Made the American People, New York 1951; Reed Ueda, Immigration and the Moral Criticism of American History. The Vision of Oscar Handlin, in: Canadian Review of American Studies 21 (1990) 2, S. 183–202.