Nr. 82

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Anna Michaelis

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Platzierungen im Innen – Positionierungen nach Außen. Jüdische Wohlfahrtspraktiken im Metropolraum Berlin als Writing Difference (1890-1917)

Angesichts unterschiedlichster soziokultureller und demografischer Herausforderungen, die sich der jüdischen Minorität am Ende des 19. Jahrhunderts stellten, entwickelten bürgerliche Jüdinnen und Juden komplexe Distinktionsstrategien gegenüber marginalisierten Gruppen innerhalb des Judentums. Anhand der jüdischen Berufs- und Wandererfürsorge in der Metropolregion Berlin um 1900 zeigt der Beitrag, wie die Platzierung von Wohlfahrtsinstitutionen und ihre architektonisch-topografische Ausgestaltung Konstruktionen von geschlechtlicher, ökonomischer und ethnischer Differenz in den Raum ein- und festschrieb. Nach einem knappen Blick auf das zeitgenössische jüdische Stadtraumgeflecht Berlins arbeiten die folgenden Abschnitte die Platzierung von Institutionen in der Peripherie zum Zweck der Sozialdisziplinierung und die Distinktion durch räumliche Nähe und Distanz als wesentliche Strategien des bürgerlich-jüdischen doing difference heraus. Die Funktionsweise dieser Praktiken verweist überdies auf generalisierbare Erkenntnisse, zu denen die Notwendigkeit gehört, Kopplungseffekte von architektonisch-räumlichen Arrangements und Körpern zu berücksichtigen sowie die Interferenz unterschiedlicher territorialer Beziehungsnetze im Blick zu behalten.

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Placement Within, Positioning Without. Jewish Welfare Practices in Metropolitan Berlin as Writing Difference (1890-1917)

Given the manifold socio-cultural and demographic challenges faced by the Jewish minority at the end of the nineteenth century, middle-class Jews developed complex strategies of distinction from marginalized groups within the Jewish community. Based on records of Jewish occupational care and welfare for migrants in the Berlin metropolitan area around 1900, this paper shows how the spatial placement of welfare institutions in the city and their architectural-topographical design inscribed and fixed constructions of gender, economic and ethnic differences. After a brief look at the contemporary Jewish urban space in Berlin, subsequent sections elaborate on the placement of certain institutions on the periphery for the purpose of enforcing social discipline and distinction through spatial proximity and distance as essential strategies of bourgeois Jewish doing difference. The functioning of these practices also points to generalizable findings, which include the need to take into account the coupling effects of architectural-spatial arrangements and bodies and to keep an eye on the interference of different territorial networks of relationships.

Kurz-Bio: Anna Michaelis

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Universität Duisburg-Essen, Abteilung Neuere und Neueste Geschichte. Ihre Forschungsinteressen umfassen jüdische Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts, Körper- und Gesundheitsgeschichte sowie die Rolle von Temporalität und Praxeologie in der Geschichtsschreibung. In ihrer Dissertation »Die Zukunft der Juden.« Strategien zur Absicherung jüdischer Existenz in Deutschland (1890–1917) (Campus 2019) beschäftigt sie sich unter anderem mit jüdischer Wohltätigkeit im Kaiserreich als Praxis bürgerlicher Selbstvergewisserung und Zukunftssicherung.

E-Mail: anna.michaelis@uni-due.de

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