Editorial: Nr. 77 | umstrittene objekte

Die Übergabe des Schädels von Chief Mkwawa durch Gouverneur Sir Edward Twining an Mkwawas Enkel, Chief Adam Sapi, Tansania 1953. Mkwawa starb 1898 am Ende des Kolonialkriegs zwischen dem Deutschen Reich und den Hehe. Sein Kopf wurde von einem deutschen Soldaten abgeschlagen und der Schädel wohl nach Deutschland verbracht. Wir danken dem Staatsarchiv Bremen für die freundliche Überlassung des Bildes.

Objekte spielen oft eine zwiespältige Rolle in kulturellen Kontaktsituationen. Sie werden vorgeführt, zum Geschenk gemacht, getauscht und gehandelt, anders formuliert: mit ihnen können Beziehungen geknüpft und kann Vertrauen hergestellt werden. Objekte werden aber auch erbeutet oder geraubt, mit ihnen kann Macht demonstriert, Gewalt ausgeübt und Betrug begangen werden. Im Zuge des Besitzwechsels erhalten Objekte häufig neue Bedeutungen; so werden sie etwa als »Wissensobjekte«, die Informationen über fremde Länder, Religionen und Kulturen vermitteln sollen, in Museen und Privatsammlungen transferiert, [1] oder als Kriegsbeute, Trophäen und persönliche Erinnerungsstücke in Familien vererbt. [2]

Die Geschichtswissenschaft hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt der materiellen Kultur vergangener Zeiten zugewandt und in historischer Perspektive nach dem Einfluss von

Dingen auf menschliches Handeln sowie nach der Erzeugung von symbolischer Bedeutung und von Wissen gefragt. Dabei sind Theorien anderer Disziplinen fruchtbar gemacht worden. So wurden in der Anthropologie schon in den 1920er Jahren Antworten auf die Frage gesucht, welche Bedeutung gerade dem Austausch von Objekten in Kontaktsituationen zukommt. Die berühmten, auf die Forschungen Bronisłav Malinowskis zurückgehenden Überlegungen zum Gabentausch von Marcel Mauss sind bis heute inspirierend, wenngleich einem Verständnis der Gabe als »totale[r] Leistung« (Mauss) kaum mehr gefolgt wird. [3]

Mitte der 1980er Jahre rückten die Objekte selbst noch stärker in den Fokus anthropologischer Forschungen, und das »soziale Leben« von Dingen wurde Thema einer wegweisenden Konferenz. [4] Die dort konzipierte Erforschung einer »kulturellen Biographie der Dinge« (Kopytoff), [5] die auch ihre Kommodifizierung und spätere Umnutzung einschließen kann, ist besonders in der Museologie, aber auch in der Geschichtswissenschaft aufgegriffen worden. [6] Größere Resonanz in der Geschichtswissenschaft haben schließlich auch neuere Ansätze der Techniksoziologie sowie Akteur-Netzwerk-Theorien gefunden, innerhalb derer am prominentesten Bruno Latour den Dingen als Aktanten im Ensemble mit menschlichen Akteuren eigene Handlungsmacht zugeschrieben hat. [7]

Der Thementeil dieses Heftes möchte die Erkenntnismöglichkeiten, die sich für die historische Forschung durch einen Fokus auf die Dinge eröffnen, im Kontext afrikanisch-europäischer sowie afrikanisch-amerikanischer Beziehungen ausloten. Besonders interessiert uns dabei die Frage, wie Dinge zu Streitobjekten wurden und welche Konflikte über sie ausgetragen worden sind. »Dinge«, »Objekte« und »Gegenstände« sind Begriffe mit unterschiedlichen Konnotationen, die alle nur unzureichend das Spektrum der Protagonisten dieses Heftes erfassen, zumal sich bei menschlichen und tierischen Überresten fragen lässt, ob überhaupt von einem Ding, oder nicht eher von einem ambivalenten Sub/Objekt gesprochen werden müsste. Wir verwenden hier überwiegend den Begriff des Objekts, um einen Unterschied zu Alltagsdingen zu markieren und zu betonen, dass die behandelten Gegenstände in einem Kontext stehen, in dem sie ›gemacht‹ wurden und mitunter selbst etwas ›taten‹.

Die vier Beiträge des Thementeils, der Fallstudien vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart umfasst, rücken sehr unterschiedliche Objekte in den Mittelpunkt der Untersuchung: Walfangschiffe (Felix Schürmann), Feuerwaffen (Felix Brahm), einen menschlichen Schädel sowie einen daraus entnommenen Zahn (Bettina Brockmeyer) und prähistorische Saurierknochen sowie den daraus rekonstruierten Brachiosaurus brancai (Holger Stoecker). Sichtbar werden anhand dieser Objektstudien das Aufeinanderprallen von Wertvorstellungen im kulturellen Kontakt und eine Divergenz von Deutungsmustern, aber auch unterschiedliche  Strategien des Zugriffs und der Instrumentalisierung von Objekten und in einigen Fällen eine transkulturelle Nutzung. Im Falle von Artefakten spielte dabei die Vorprägung der Objekte eine wichtige Rolle, wie die räumlich-hierarchische Gliederung der Walfangschiffe und der machtvolle Wirkungsmechanismus der Feuerwaffen. Objekte, das wird in diesem Heft deutlich, eignen sich in besonderem Maße dazu, Träger symbolischer Bedeutung zu werden, und eben auch dazu, konfliktreiche historische Beziehungen zu vergegenwärtigen, wie nicht zuletzt die Fallstudien zum Schädel und Zahn des Chiefs Mkwawa der Hehe und zum Brachiosaurus brancai im Naturkundemuseum Berlin zeigen. Dabei können Deutungen, die sich an Objekten festmachen, familiär über Generationen tradiert oder aber durch öffentliche Thematisierung hervorgerufen werden.

Vor diesem Hintergrund leistet die Erforschung der Inbesitznahme und des Transfers von Objekten auch einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit. Indem den Wegen der Objekte gefolgt wird, so zeigt der Thementeil aber zugleich, kann auch der Forderung nach einer Dezentrierung von Geschichte, wie sie unter anderem Natalie Zemon Davis 2011 formuliert hat,8 nachgekommen werden. Denn anhand einer kritischen Objektgeschichte ist es möglich, den Blick sowohl geografisch, als auch sozial und kulturell zu weiten und verschiedene Stimmen, Eindrücke, Gebräuche und Erinnerungen in die Analyse einzubeziehen.

Im Werkstatt-Teil dieses Heftes untersucht Cécile Stehrenberger ebenfalls ein umstrittenes Objekt: Kuhmilch in unterschiedlichen Darreichungsformen. Ihre mikrohistorische Untersuchung der Luzerner Milchkommission (1944–1973) nimmt die Intersektionen von Geschlecht, Klasse und Nationalismus in den Blick. Stehrenberger nutzt die Auseinandersetzungen um Qualität, Verarbeitung und Auslieferung der Milch, um nach der Bedeutung von KonsumentInnen-Handeln für die politische Partizipation von Frauen in der schweizerischen Demokratie zu fragen.

Für die Expokritik haben Christiane Berth und Karin von Niederhäusern die neue, 2017 eröffnete Dauerausstellung des Museums für Kommunikation in Bern besucht. Ihre besondere

Aufmerksamkeit richten die Historikerin Berth und die Ethnologin von Niederhäusern auf die Geschichte der vergangenen zwei Jahrzehnte und fragen, wie die Digitalisierung von Kommunikation und die gesellschaftlichen Debatten um sie in der Ausstellung repräsentiert sind.

Felix Brahm, Bettina Brockmeyer und die Redaktion

 

[1] Siehe hierzu etwa Anke te Heesen/Emma C. Spary (Hg.), Sammeln als Wissen. Das Sammeln und seine wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung, Göttingen 2002; Anita Hermannstädter/Ina Heumann/ Kerstin Pannhorst (Hg.), Wissensdinge. Geschichten aus dem Naturkundemuseum, Berlin 2015; Heike Hartmann, Koloniale Sammlungen, kolonialer Blick, in: Deutsches Historisches Museum (Hg.), Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart, Darmstadt 2016, S. 219–233.

[2] Siehe z. B. Simon Harrison, Dark Trophies. Hunting and the Enemy Body in Modern War, New York/Oxford 2012; Britta Schilling, Postcolonial Germany. Memories of Empire in a Decolonized Nation, Oxford 2014.

[3] Zum System totaler Leistungen bei Marcel Mauss siehe ders., Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1968, S. 21ff. Vgl. z. B. die Arbeit von Maurice Godelier, L’énigme du don, Paris 1996; einen Überblick über die Forschung gibt Beate Wagner-Hasel, Egoistic Exchange and Altruistic Gift. On the Roots of Marcel Mauss’s Theory of the Gift, in: Gadi Algazi/Valentin Groebner/Bernhard Jussen (Hg.), Negotiating the Gift. Pre-Modern Figurations of Exchange, Göttingen 2003, S. 141–171. Vgl. auch Nicholas Thomas, Entangled Objects. Exchange, Material Culture, and Colonialism in the Pacific, Cambridge, MA 1991; Christina Brauner, Kompanien, Könige und caboceers. Interkulturelle Diplomatie an Gold- und Sklavenküste im 17. und 18. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 2015.

[4] Siehe Arjun Appadurai (Hg.), The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge 1986.

[5] Igor Kopytoff, The Cultural Biography of Things: Commoditization as Process, in: ebd., S. 64 –91.

[6] Siehe beispielsweise Lorraine Daston (Hg.), Things that Talk. Object Lessons from Art and Science, New York 2008; Alexandra Walsham (Hg.), Relicts and Remains, Oxford 2010 (Past & Present Supplements, New Series; 5); Larissa Förster/Holger Stoecker, Haut, Haar und Knochen. Koloniale Spuren in naturkundlichen Sammlungen der Universität Jena, Weimar 2016.

[7] Vgl. aus den vielen Arbeiten etwa Bruno Latour, Über technische Vermittlung: Philosophie, Soziologie und Genealogie [1994], in: Andréa Bellinger/David J. Krieger (Hg.), ANThologie. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 483–528; Karen Barad, Agentieller Realismus. Über die Bedeutung materiell-diskursiver Praktiken, Berlin 2012.

[8] Natalie Zemon Davis, Decentering History: Local Stories and Cultural Crossings in a Global World, in: History and Theory 50 (2011) 2, S. 188–202.