Nr. 92 | prekäres wissenschaften | Abstract

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Lena Oetzel

[ DEUTSCH | ENGLISH | Kurz-Bio]

Bei Kaffee, Kuchen, Wein und Bier. Die Universität als exklusiver Ort der »Persönlichkeitsbildung« in der Autobiografie des Historikers Karl Brandi (1868–1946)

Die Autobiografie Aus 77 Jahren des Historikers Karl Brandi (1868–1946) bietet einen Einblick in Machtstrukturen und Exklusionsmechanismen des deutschen akademischen Systems des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Als zentrale Figur der deutschen Geschichtswissenschaft schildert Brandi seine akademische Laufbahn, idealisiert dabei die Phase der Prekarität als prägend für die Persönlichkeitsbildung und zementiert so elitäre Hierarchien. In seiner Darstellung des akademischen Lebens als familiäre Gemeinschaft verstärkt er männlich geprägte Strukturen, die bis heute nachwirken. Die Autobiografie offenbart die Mechanismen eines Systems, das Prekarität als notwendige Bewährungsprobe idealisiert, während es ungleiche Zugangschancen reproduziert. Brandis Einfluss auf die Institutionalisierung dieser Denkmuster verdeutlicht, wie tief verankert hierarchische Vorstellungen in der Wissenschaftskultur sind.

[ ENGLISCH | DEUTSCH]

Over Coffee, Cake, Wine, and Beer. The University as an Exclusive Place of »Personality Formation« in the Autobiography of the Historian Karl Brandi (1868–1946)

The autobiography Aus 77 Jahren (From 77 Years) by the historian Karl Brandi (1868–1946) offers an insight into the power structures and exclusion mechanisms of the German academic system in the late 19th and early 20th centuries. As a central figure in German historical scholarship, Brandi describes his academic career, idealizing the phase of precarity as formative for personality development and thus cementing elitist hierarchies. In his depiction of academic life as a family community, he reinforces male-dominated structures that still have an impact today. The autobiography reveals the mechanisms of a system that idealizes precariousness as a necessary test while reproducing unequal access opportunities. Brandi’s influence on the institutionalization of these thought patterns illustrates how deeply anchored hierarchical ideas are in the academic culture.

Kurz-Bio: Lena Oetzel

Lena Oetzel ist Universitätsdozentin am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg. Hier ediert sie die Autobiografie Karl Brandis. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit historischer Friedensforschung, frühneuzeitlicher Diplomatie, Geschlechtergeschichte, Fragen von Herrschaftskommunikation und Public History.

E-Mail: lena.oetzel@plus.ac.at

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