Daniel Gerster
Schleichende Aneignung, symbolische Markierung und Gewalt. Die extreme Rechte und ihre Praktiken der Raumaneignung in Deutschland nach 1945
Die zeithistorische Forschung zur extremen Rechten nach 1945 steckt hierzulande in den Kinderschuhen. Sie hat lange auf soziale Akteure, ihre Organisationen und Ideologien fokussiert, wendet sich aber in jüngster Zeit neuen Fragestellungen und Zugängen zu. Der Beitrag zeigt auf, wie gewinnbringend diesbezüglich ein raumhistorischer Zugriff sein kann. Dazu untersucht er Praktiken, durch die die extreme Rechte nach 1945 versucht hat, sich Raum anzueignen, d.h. an einem (öffentlichen) Ort präsent zu sein und ihre Ordnungsvorstellungen durchzusetzen. Im Fokus stehen drei Modi der Raumaneignung, die sich wiederholt beobachten lassen: die schleichende Okkupation, die symbolische Markierung und die gewaltvolle Besetzung. Es handelt sich um Idealtypen, die in der historischen Praxis meist verflochten sind, wie der Beitrag u.a. an den Debatten um »national befreite Zonen« in den 1990er und 2000er Jahren veranschaulicht. Ein raumhistorischer Zugriff ermöglicht es, eindimensionale Beschreibungen aufzubrechen, indem er die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Wahrnehmungen und Praktiken darstellt und die Sichtweisen von Betroffenen und Dritten einbezieht.
Gradual Occupation, Symbolic Marking, and Violence. The Extreme Right and its Practices of Spatial Appropriation in Germany after 1945
Historical research on the extreme right after 1945 has gained attention in Germany only in recent years. Focusing initially on social actors, their organizations and ideologies, it has now turned to new questions and approaches. This article shows how research can profit from a spatial-historical approach. It focusses on practices of spatial appropriation and examines the ways in which the extreme right in Germany attempted to occupy (public) space and to impose its ideas of order after 1945. Three modes of spatial appropriation repeatedly used by the extreme right take center stage: gradual occupation, symbolic marking, and violent seizure. These are ideal types which are intertwined in historical practice, as is shown with regard to the so-called »nationally liberated zones« of the 1990s and 2000s. In general, the article shows how a spatial-historical approach can help to deconstruct one-dimensional descriptions. It allows the simultaneity of different perceptions and practices to be depicted and incorporates the perspectives of those affected by the extreme right as well as those of other actors.
Kurz-Bio: Daniel Gerster
Daniel Gerster ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) im Projekt »HAMREA – Hamburg rechtsaußen. Rechtsextreme Gewalt- und Aktionsformen in, mit und gegen städtische Gesellschaft 1945 bis Anfang der 2000er Jahre«.
E-Mail: gerster@zeitgeschichte-hamburg.de