Frederik Doktor
Die Suche nach den körperlichen Indizien von Homosexualität. Körperfett als Thema der Sexualwissenschaften (1870–1930)
Die Sexualwissenschaften waren ab dem Ende des 19. Jahrhunderts zentraler Ort der Wissensproduktion und Hort der Wissenssammlung über den menschlichen Körper: Fortwährend wurde am individuellen Körper nach Anzeichen für seine sexuelle Devianz gesucht. Zeitgleich zur sexualwissenschaftlichen Konstruktion von Homo- und Heterosexualität fand die individuelle und gesellschaftliche Problematisierung von Körperfett ab dem späteren 19. Jahrhundert statt. Ein möglicher Zusammenhang der beiden Differenzkategorien Homosexualität und Körperfett wurde bisher von der historiografischen Forschung ausgeblendet. Im Beitrag wird daher anhand ausgewählter Protagonisten der deutschsprachigen Sexualwissenschaften die Funktion von Körperfett untersucht. Es zeigt sich: Abhängig davon, wie die Sexualwissenschaftler Homosexualität bewerteten, wurde Körperfett zur Über-, Unterordnung oder Gleichstellung von Homosexualität verwendet.
The Search for Physical Signs of Homosexuality. Body Fat as a Topic of Sexology (1870–1930)
From the end of the nineteenth century, Sexology was a central area of knowledge production and a reservoir of knowledge about the human body: the individual body was constantly searched for signs of sexual deviance. At the same time as the sexological construction of homosexuality and heterosexuality, the individual and societal problematization of body fat took place from the late nineteenth century onwards. A potential connection between the two differential categories of homosexuality and body fat has so far been ignored by historiographical research. This article therefore examines the function of body fat using selected protagonists of German-speaking sexology, showing that, depending on how homosexuality was evaluated by the sexologists, body fat was used for the superordination, subordination, or equalization of homosexuality.
Kurz-Bio: Frederik Doktor
Frederik Doktor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Geschichte und Geschichtsdidaktik der Universität Flensburg und Doktorand im SFB 1604 »Produktion von Migration« im Teilprojekt »›Unmaking Migrants?‹ Die Produktion der EU-Binnen- und Außengrenzen und ihre Effekte in historisch-postkolonialer Perspektive«. Er interessiert sich für postkolonial informierte europäische Migrationsgeschichte und für Körper- und Sexualitätsgeschichte vom 19. bis ins 21. Jahrhundert.
E-Mail: frederik.doktor@uni-flensburg.de