Nr. 82

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Stephanie Zehnle

[ DEUTSCH | ENGLISH | Kurz-Bio]

Narben vor Gericht. Afrikanische Dermografiken und koloniale Aneignungen

In Afrika waren und sind Dermografiken, absichtlich gestaltete Narbenmuster auf der menschlichen Haut, weit verbreitet. Sie wurden im 19. Jahrhundert in geheimen Ritualen während der Initiation in die Haut eingeschrieben und waren für Fremde kaum lesbar. Insbesondere unter SklavenhändlerInnen setzte sich die falsche Annahme durch, dass die Narben der Identifikation von Personen dienten. Daran anknüpfend verfolgten EthnologInnen in der Kolonialzeit die These, dass die Dermografiken tribale Zugehörigkeit ausdrückten. Im britischen Sierra Leone wurden diese Narben 1913 zu einem gerichtlichen Beweismittel in Mordprozessen: Hunderte wurden als Human Leopards angeklagt, die als organisierte Geheimgesellschaft und zu kannibalistischen Zwecken Ritualmorde begangen hätten. Koloniale Staatsanwälte wollten die Angeklagten überführen, indem sie die Narben als geheime Zeichen einer Mitgliedschaft in diesen Gesellschaften definierten. Durch afrikanische Verteidiger wurde dies widerlegt. Der Beitrag beschreibt diese kolonialen Deutungskämpfe beim Versuch die Dermografiken als Einschreibungen zu lesen.

[ ENGLISCH | DEUTSCH]

Scars in the Courtroom. African Scarifications Under Colonial Trials

Ritual scarifications on human skin continue to be widespread across the African continent. Throughout the nineteenth century, these scars were produced in secret initiation camps. Within the networks of slave dealers, many assumed that African societies used scarifications to identify a person. Colonial-era anthropologists adopted this notion and tried to read tribal affiliations from the scars. Under the influence of ethnology on the one hand and tropical medicine on the other, the British colonial courts of Sierra Leone turned ritual scarifications into forensic evidence: In 1913, hundreds of Africans were accused of ritual cannibal murder as members of the (imaginary) Human Leopard Societies. To prove membership of this secret society, the prosecution argued that the accused murderers were all marked with a triangle scar. This theory of leopard marks was, however, disproved by African defense counsels. This article analyses this battle over the correct reading of these scarifications in a colonial setting and concerning the ambiguity of these inscriptions as oscillating between »natural« and »artificial«.

Kurz-Bio: Stephanie Zehnle

ist Juniorprofessorin für Außereuropäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie forscht zur Geschichte Afrikas, insbesondere zu Sklaverei, Islam, Recht, Mensch-Tier-Beziehungen, Comics und Geheimgesellschaften. Derzeit schließt sie ihre Habilitation zu den westafrikanischen Human Leopard Murder Trials (ca. 1880–1945) ab. Ihre Dissertation ist gerade erschienen: A Geography of Jihad. Sokoto Jihadism and the Islamic Frontier in West Africa, Berlin 2020.

E-Mail: szehnle@histosem.uni-kiel.de

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