INHALT: WERKSTATTGESCHICHTE 72 glauben machen erschienen 12.2016
  ABSTRACT
deutsch/english
 
Thomas P. Funk
 
»Wie die Laufbilder bei den Lichtspielen«. Episteme filmischer  
Objektivität in den Visions- berichten der Therese von Konnersreuth
 
Therese Neumann aus Konnersreuth / Bayern (1898–1962) war seit den späten 1920er Jahren bis zu ihrem Tod berühmt als Stigmatisierte und Sühneseele. Ihre Verehrer_innen waren überzeugt, dass ihre regelmäßigen Visionen der Passion Christi – mehr als 600 in 36 Jahren – exakte Wiederholungen seines realhistorischen Leidens und Sterbens seien. Mein Artikel rekonstruiert die Verfertigung ihrer Visionsberichte durch Mitglieder ihres Freundeskreises – Priester, Theologen und Adlige des „Konnersreuther Kreises” – als Herstellung einer zunehmend konsistenten chronologischen Erzählung. Dabei wurde der Text von Spuren des Produktionsprozesses gereinigt, vor allem von der Interaktionen der Visionärin mit ihren Berichterstattern,. Ich untersuche die inhärente Spannung zwischen Bezugnahmen auf die „epistemischen Tugenden” der wertfreien, mechanischen Objektivität einerseits und des „Augenzeugen”, der durch die Wahrhaftigkeit seines subjektiven Bekenntnisses eine Wahrheit glaubhaft macht, andererseits. Die Verflechtung der Argumente mechanischer Objektivität und des Augenzeugen begreife ich als Strategie, um die transzendente Wahrheit des katholischen Glaubens zu verteidigen und den immanenten Deutungsrahmen der modernen Wissenschaft mit deren eigenen Mitteln zu kritisieren. Die Plausibilisierung der Schauungen Therese Neumanns mit Argumenten des Kinofilms vermittelt, so meine These, zwischen dem Anspruch der Autoren auf wissenschaftliche Objektivität religiöser Wahrheit und ihrer „authentischen” Präsenzerfahrung des Numinosen zu vermitteln – einer Erfahrung, die sie zum religiös motivierten politischen Handeln drängte.

 

deutsch/english
 
»Like moving pictures at the cinema«. Epistemes of Cinematographic Objectivity in the Records of Therese of Konnersreuth’s Visions
 
From the late 1920s on to her death, Therese Neumann of Konnersreuth, Bavaria (1898– 
1962), was well-known as a stigmatist and victim soul. Venerators were convinced that her repetitive visions of the passion of Christ – more than 700 in 36 years – were exact re-enactments of Christ’s real historic suffering and death. My article reconstructs the way her friends – priests, theologians and noblemen of the »Konnersreuther Kreis« (Konnersreuth Circle) – reported on her visions, manufacturing an increasingly consistent chronological narration. In the making, the text was purified from traces of the process of production, especially those of Therese Neumann’s interactions with her reporters. I focus on the inherent tension between references to the »epistemic virtue« (Lorraine Daston) of mechanical objectivity that claims to be value-free, and the virtue of the »eyewitness« who verifies truth by the authenticity of his subjective confession. I understand the entanglement of these arguments as a strategy to both defend the transcendent truth of Catholic faith and criticize the immanent framing of modern science with its own devices. The numerous comparisons of Therese’s visionary experience with cinematography can be understood as the reporters’ efforts to mediate between pretensions to scientific objectivity and their »authentic« experience of numinous presence – a presence which urged them to leave their standpoint of scientific observers and take action.

 

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