Editorial: Nr. 70 | arbeit begrenzen entgrenzen

WERKSTATTGESCHICHTE Ausgabe 71
Pfandleihe in Detroit, 2010. Wir danken dem Fotografen Thomas Hawk (San Francisco, USA) für die freundliche Überlassung dieses Bildes.

»Deutschland noch weit von positiver Kultur des Scheiterns entfernt«, hieß es im August 2015 in einer Pressemitteilung der Universität Hohenheim. Eine Studie des Lehrstuhls für Unternehmens-gründungen und Unternehmertum habe gezeigt, dass nur jede/r zweite Deutsche gegenüber »unternehmerischen Fehlschläge[n]« tolerant sei und etwa bei einem »bereits gescheiterten Unternehmer« Waren ordern würde. Dabei gelte es, eine »positive Haltung« gegenüber dem Scheitern, nicht nur dem unternehmerischen, zu entwickeln und einen Wertewandel hin zu mehr Akzeptanz von Misserfolgen zu fördern. Scheitern markiert hier demnach kein Ende, vielmehr fungiert es als eine lehrreiche Ressource für zukünftigen Erfolg, als »potenzielle Quelle zur Selbstreflexion und Rückbesinnung«, die einer zweiten Chance den Weg bereitet. [1] Solche positiven Konzeptionen von Scheitern reüssieren mittlerweile unter dem Slogan vom »Scheitern als Chance« zuhauf in der populären Ratgeberliteratur. [2] Inzwischen dürfte Richard Sennetts vielzitierte Aussage von der gesellschaftlichen Nichtthematisierung des Scheiterns daher überholt sein: »Failure is the great modern taboo. Popular literature is full of recipes for how to succeed but largely silent about how to cope with failure.« [3]

Was die nun scheinbar ubiquitäre Beschäftigung mit dem Scheitern allerdings überdeckt, ist die Frage, wer oder was überhaupt scheitern kann. Wenn Scheitern gekoppelt ist an eine zuvor ergriffene Chance, an etwas, das überhaupt erst die Möglichkeit des Scheiterns eröffnet – wie z. B. eine Unternehmung –, dann ist Scheitern prinzipiell an den Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen gebunden, über den viele Menschen nicht oder nur eingeschränkt verfügen. Lässt sich mithin davon sprechen, dass jemand oder etwas erst scheiterfähig sein oder werden muss? Kann also nur der/diejenige scheitern, der/die Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen hat bzw. hatte? Ist diese Frage einmal gestellt, so erhält der Begriff des Scheiterns eine sozialgeschichtliche Kontur. Der Begriff der »Scheiterfähigkeit« könnte überdies auf die Frage verweisen, ob und inwiefern mit dem Reklamieren des Scheiterns wiederum kulturelles Kapital bereitgestellt werden kann. [4]

Die historische Forschung hat Scheitern bisher vielfach aus der Perspektive der Formierung des Selbst und von individuellen bzw. kollektiven Identitäten erfasst: Am Beispiel von Geschäftsleuten in den USA des 19. Jahrhunderts analysiert etwa Scott Sandage, wie ein ökonomischer Bankrott von einem individuellen, traumatischen Ereignis zu einem Zeichen für ein verpfuschtes Leben wurde. Sandage kennzeichnet dies als einen Wandel »from ordeal to identity«. [5] Erst mit dieser Bedeutung von Scheitern als Ausdruck eines gescheiterten Selbst seien auch andere Bevölkerungskreise als weiße Geschäftsleute scheiterfähig geworden: Frauen, Arbeiter/innen, African Americans. [6]
Auch Stefan Zahlmann und Sylka Scholz interessieren sich für das Selbst im Scheitern. Mit ihrer Anthologie Scheitern und Biografie verweisen sie darauf, dass erst mit dem modernen, individualisierten Menschen Scheitern interessant werde. [7] Die Beiträge in dem jüngst erschienenen Sammelband Fiasko – Scheitern in der Frühen Neuzeit von Stefan Brakensiek und Claudia Claridge dagegen fordern diese zeitliche Beschränkung heraus. Mit ihrem Blick in die Frühe Neuzeit erweitern sie die historische Perspektive auf individualistische und reflexive Verständnisse von Scheitern. [8]

Trotz dieser ersten spannenden Vorstöße und trotz eines Historikertags 2014 zum Thema »Gewinner und Verlierer« geht es in den Geschichtswissenschaften auch heute noch vor allem um die Beschreibung von Ereignissen, Zusammenhängen und Wandlungsprozessen, die irgendwohin führten, eine Entwicklung aufzeigten oder das im Großen erkennbar Gewordene erklären wollen. Programmatisch wurde von den Organisator/innen des Historikertags jedoch darauf hingewiesen, dass vermeintlich gescheiterte Projekte und Biografien aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten seien und auch methodisch neue Wege erfordern würden als ein diametrales Denken: »Nicht realisierte Möglichkeiten, Seitenwege und vermeintliche Sackgassen in der Geschichte aufzuspüren, erfordert einen methodischen Ansatz, der um die heuristische Problematik der Einteilung in ›Gewinner und Verlierer‹ weiß.« [9]

Eine solch andere Perspektive könnte es sein, den vermeintlichen Ausnahmecharakter des Scheiterns zu hinterfragen. Schließlich benötigen Vorstellungen von Erfolg stets auch Vorstellungen von Scheitern. Die steten Aufforderungen zur rechten Selbstführung etwa, die in den historischen Studien zur Gouvernementalität erforscht werden, produzieren gleichzeitig Individuen und Gruppen, die als gescheitert gelten. [10] Wenn wir Scheitern damit nicht als Ausnahme, sondern als regelhaftes Moment betrachten, was gerät dann in den Blick? Und was bedeutet dies für Geschichten vom Scheitern von Projekten, Unternehmungen und Institutionen? Werden Abbrüche oder Sackgassen dann als Scheitern erkennbar, wenn sie einen Wendepunkt darstellen, aus dem etwas anderes erwächst? [11]

Die Beiträge im Themen- und ausnahmsweise auch im Debattenteil sowie der Expokritik dieses Heftes kreisen um Probleme wie diese. Sie widmen sich epochenübergreifend den Fragen, was als Scheitern gilt, wie Scheitern überhaupt bemessen und gesellschaftlich markiert wird und welche Konsequenzen diese Markierungen haben können.

Simon Karstens vergleicht die zeitgenössische und geschichtswissenschaftliche Rezeption zweier als gescheitert dargestellter Expeditionen bzw. Expeditionsleiter aus Frankreich respektive England im 16. Jahrhundert. Anhand von Jacques Cartier und Martin Frobisher, die beide ihre Eroberungsversuche im heutigen Kanada abbrachen, hinterfragt Karstens den Sinn und Zweck von Scheitern als über die Jahrhunderte hinweg beschreibende Kategorie der Differenz zwischen Erwartung und Ergebnis. Es wird deutlich, dass zwar stets die Individuen im Mittelpunkt der Deutungen der gescheiterten Expeditionen standen, jedoch nicht deren vermeintlich persönliches Versagen als Ursache angesehen wurde.

Marietta Meier untersucht, wer oder was in der Psychiatrie im 20. Jahrhundert scheitern konnte, nachdem die Einführung der »großen somatischen Kuren« um 1920 scheinbar neue therapeutische Möglichkeiten, damit aber auch neue Dimensionen des Scheiterns eröffnet hatte. Anhand der Fallgeschichte einer Patientin, die fast 55 Jahre in der Psychiatrie verbrachte, zeigt Meier auf, wie sich Scheitern von einer »Figur des Dritten« zu einer »Subjektivierungspraxis« entwickelte: Zunächst scheiterten Dinge oder Handlungen ohne Subjekt, nämlich Therapien, Kommunikationsversuche oder Maßnahmen; erst seit den 1970er Jahren wurde auch persönliches Versagen der Akteure thematisiert.

Um den Zusammenhang von Scheitern, Moral und Erinnerung an die NS-Vergangenheit geht es im Beitrag von Kobi Kabalek. Er widmet sich filmischen und literarischen Werken, in denen die Rettung von Juden in der NS-Zeit fehlschlägt. Kabalek arbeitet heraus, welche Intentionen diesen Darstellungen gescheiterter Hilfsbemühungen zugrunde liegen; dabei werden die Funktionen deutlich, die fiktionales Scheitern im Kontext der zögerlichen Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen sowie der angestrebten Umerziehung und moralischen Erneuerung in beiden deutschen Gesellschaften hatte.

Felix Krämer untersucht, wie Jimmy Carter in und durch Fernsehnachrichten als scheiternder und gescheiterter US-Präsident präsentiert wurde. Er zeigt, dass Carter an einem gerade auch medial inszenierten Ideal von moral leadership gemessen wurde, das erst dadurch Kontur gewann, dass es dem Präsidenten zunehmend abgesprochen wurde. Hier zeigt sich beispielhaft, wie Scheitern erst in actu entstehen bzw. als Scheitern Bedeutung annehmen kann.

Im Debattenteil diskutiert Natascha Vittorelli die Figur der gescheiterten Historikerin. Sie analysiert die Mechanismen des Wissenschaftsbetriebs, die den Ausstieg aus der Wissenschaft scheinbar losgelöst von strukturellen, persönlichen und fachlichen Rahmenbedingungen als wissenschaftliches Scheitern darstellen. Um der Außenperspektive des beruflichen Scheiterns etwas entgegenzusetzen, geht Vittorelli auf private Ausstiegsgründe und das subjektive Empfinden mehrfacher Scheitererlebnisse ein und eröffnet damit einen neuen Blickwinkel auf die Kategorie Scheitern.

In der Filmkritik von Bernhard Groß zu dem Film 1860 (Italien 1934) von Alessandro Blasetti stellt der Autor einen spezifisch filmwissenschaftlichen Zugang zum Verhältnis von Film und Geschichte vor. In der Kritik geht es zum einen um die historischen Ereignisse, die der Film repräsentiert (die Einigungsbewegung Italiens um 1860), zum anderen um seine Herstellung als Propagandafilm im faschistischen Italien der 1930er Jahre. Schließlich untersucht Groß die Frage, wie der Film seine Zuschauer adressiert. Aus dieser Perspektive wird eine Wahrnehmungsästhetik aus dem Propagandafilm herausgearbeitet, die eine demokratische Adressierung des Zuschauers, wie sie den italienischen Neorealismus der 1940er Jahre bestimmt, schon andeutet.
Die Expokritik von Sabine Stach nimmt das Leitthema des Hefts noch einmal auf. Sie führt durch das Museum des Warschauer Aufstands in der polnischen Hauptstadt und zeigt die Intention der Ausstellungsmacher/innen auf, den äußerlich gescheiterten Aufstand als moralischen Sieg zu deuten, der sich mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 letztgültig erfüllt habe. Insbesondere die didaktische Praxis führt Stach letztlich zu einer kritischen Bewertung.

Julia Kleinschmidt, Nina Mackert, Georg Wamhof und die Redaktion


[1] Universität Hohenheim: »Pressemitteilung: Studie belegt: Deutschland noch weit von positiver Kultur des Scheiterns entfernt«, 25.8.2015, https://www.uni-hohenheim.de/pressemitteilung?&tx_ttnews[tt_news]=28724&cHash=aabcd57543 (letzter Zugriff 10.2.2016).
[2] Jörg-Peter Schröder, Scheitern als Chance. Selbsttraining für den erfolgreichen Neuanfang, Berlin 2010; siehe z. B. auch: Louis Schützenhöfer, Vom Charme des Scheiterns. Krisen für einen Neustart nutzen, Wien 2011; Doris Märtin, Mich wirft so schnell nichts um. Wie Sie Krisen meistern und warum Scheitern kein Fehler ist, Frankfurt a. M. 2010; Ute Lauterbach, Lässig scheitern. Das Erfolgsprogramm für Lebenskünstler, München 2007.
[3] Richard Sennett, Failure, in: ders., The Corrosion of Character: The Personal Consequences of Work in the New Capitalism, New York 1998, S. 118–135, hier S. 118.
[4] Stefan Zahlmann und Sylka Scholz benutzen den Begriff der Scheiterfähigkeit in einem anderen Sinn, als Fähigkeit, über das eigene Scheitern sprechen und damit umgehen, es also »produktiv […] nutzen« zu können: Stefan Zahlmann, Sprachspiele des Scheiterns – Eine Kultur biographischer Legitimation, in: ders./Sylka Scholz (Hg.), Scheitern und Biographie. Die andere Seite moderner Lebensgeschichten, Gießen 2005, S. 7–31, hier S. 9.
[5] Scott A. Sandage, Born Losers. A History of Failure in America, Cambridge, MA 2005, S. 4. Zu wirtschaftlichem Scheitern s. auch Ingo Köhler/Roman Rossfeld (Hg.), Pleitiers und Bankrotteure. Geschichte des ökonomischen Scheiterns vom 18. bis 20. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 2012.
[6] Sandage, Born Losers, S. 4.
[7] Zahlmann/Scholz, Scheitern und Biographie. Dazu auch René John /Antonia Langhof (Hg.), Scheitern – Ein Desiderat der Moderne?, Wiesbaden 2014.
[8] Stefan Brakensiek/Claudia Claridge (Hg.), Fiasko – Scheitern in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur Kulturgeschichte des Misserfolgs, Bielefeld 2015. Die Bezugnahme auf andere Begrifflichkeiten des Scheiterns – wie hier der Misserfolg – verweist zudem auf die unterschiedlichen Semantiken des Scheiterns, S. auch den Tagungsbericht »Hoffen – Scheitern – Weiterleben: Enttäuschung als historische Erfahrung in Deutschland im 20. Jahrhundert«, 28.–30.9.2015 München, in: H-Soz-Kult, 15.12.2015, http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6285 (letzter Zugriff 12.12.2015).
[9] Call for Papers zum 50. Deutschen Historikertag 2014, http://www.historikerverband.de/historikertag/50-deutscher-historikertag-2014.html (letzter Zugriff 6.4.2016).
[10] Siehe z. B. Nicolas Rose, Governing the Soul. The Shaping of the Private Self, London/New York 1989; Jürgen Martschukat, Eine kritische Geschichte der Gegenwart, in: WERKSTATTGESCHICHTE 61, 21 (2012) 2, S. 15–27.
[11] Verhinderte Meisterwerke. Gescheiterte Projekte in Literatur und Film, 21.10.2015 Bamberg, in: H-Soz-Kult, 23.10.2015, http://www.hsozkult.de/event/id/termine-29275 (letzter Zugriff 12.12.2015).

 

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