Editorial: Nr. 32 | ethnisierung

cover-032»Schwarze Haut, weisse Masken« (1952) und »Die Ethnisierung des Sozialen« (1993) – zwei längst zu Schlagworten gewordene Buchtitel, die auf die soziale Konstruktion von »ethnischen«, »rassischen«, »nationalen« Identitäten aufmerksam machen wollten. Heute gehört es quasi schon zum guten Ton, auf die sprachliche Verfasstheit von historischen Phänomenen und Begriffen hinzuweisen. Dennoch wird immer wieder versucht, Ethnizität als übergeordnete, allgemeingültige Kategorie zu benutzen, die eindeutig von »race«, Nationalität, Stamm zu unterscheiden ist, oder »Ethnisierung« einem spezifischen historischen Zeitraum zuzuordnen – ähnlich wie »Nationalismus« dem »buergerlichen Zeitalter«. Ethnisierung gilt als ein Prozess, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte und besonders die Zeit der Weltkriege und der Entkolonialisierung betreffe: Einmal wird »ethnisches Bewusstsein« als eine Antwort auf das Ende des »bürgerlichen Zeitalters« verstanden, im Sinne der Ausbreitung eines »ethnischen« Nationalismus im Unterschied zu einem politischen Nationalismus (insbesondere der Französischen Revolution). Auch beschreibe Ethnisierung die Reaktionen auf den Zusammenbruch der Vielvölker- und Kolonialstaaten, aus denen ethnisch gegen die Kolonialmacht argumentierende neue Nationalstaaten hervorgingen. Ethnisierung sei darüber hinaus eine Antwort auf den globalen Charakter von Migrationsprozessen, die weltübergreifenden Migrationskulturen und transnationalen Beziehungen des sog. postindustriellen oder postmodernen Zeitalters. Im Sinne einer postmodernen Politik der Differenz oder der identity politics wird Ethnisierung des weiteren oftmals eine positive Bedeutung für die Entkolonialisierung, Dezentralisierung oder Pluralisierung von Geschichte zugesprochen. Die Unterschiedlichkeit der Definitionen resultiert vor allem aus den jeweiligen historischen Kontexten, in denen geforscht wird. Widerspruch gegen ein auf einen historischen Zeitraum festgelegtes, an den hegemonialen Geschichtserzählungen der »westlichen Welt« orientiertes Erklärungsraster regt sich beispielsweise in der ostmitteleuropäischen Forschung: »Ethnizität« als politische Strategie der Kollektivbildung (im Sinne der Konstruktion einer Abstammungsgemeinschaft) ist gleichzeitig älter und jünger als die erste Haelfte des 20. Jahrhunderts. Peter Radcliff hat auf die differierenden Gebrauchsweisen und Kontexte der diversen im Zusammenhang mit »Kollektivbildungen« kursierenden Begrifflichkeiten aufmerksam gemacht. Volk/»race«/Nation/Ethnie/Kultur/Stamm haben unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Bedeutungen. Während beispielsweise »race« in den us-amerikanischen Forschungen selbstverständlich genutzt wird – und dort als ein politisches und theoretisches Konzept bedeutungsvoll ist -, wird »Rasse« aufgrund der nationalsozialistischen Geschichte im deutschen Forschungszusammenhang nicht als politischer oder analytischer Begriff verwendet. Auch in der britischen Forschung rsp. Öffentlichkeit wird »race« eher gemieden. Dort spricht man, so Radcliff, eher von »minority ethnic communities« oder »ethnic minorities«.

Auch die Unterscheidung zwischen Ethnizität und Nationalität ist historisch und hat unterschiedliche Konnotationen. Erinnert sei beispielsweise an die Kämpfe der zionistischen und jiddischistischen Juden und Jüdinnen um eine Anerkennung als Nationalität mit entsprechenden politischen und kulturellen Rechten im habsburgischen Vielvoelkerstaat. Juden galten im habsburgischen Staat »nur« als Ethnie oder Religionsgemeinschaft, die sich den diversen Nationalitäten zuordnen mussten, während die Anerkennung als Religionsgemeinschaft beispielsweise im deutschen Kontext oftmals als Anerkennung als gleichberechtigte deutsche StaatsbürgerInnen interpretiert wurde.

In diesem Heft werden Selbstverständigung und Kollektivbildung in der historischen Praxis ausgelotet. In den Beiträgen wird Ethnisierung nicht im vorhinein definiert, sondern im historischen Prozess kontextualisiert. Im Zentrum der Beiträge stehen Entstehungszusammenhänge von Ethnisierungen im Spannungsfeld von verschiedenen Möglichkeiten der Kollektivbildung. Das Heft soll damit zu einer Forschungsweise beitragen, die die Komplexität des historischen Geschehens zum Gegenstand macht, statt sich an großen Theorien und allgemeingültigen Begriffen abzuarbeiten.

Ausgehend von den Diskussionen um Geschlecht und Nation untersucht Johanna Gehmacher die Auto/biographien zweier politisch aktiver Nationalistinnen. Die als radikale Frauenrechtlerin beginnende Kaethe Schirmacher wandte sich im Laufe ihres politischen Lebens der extrem nationalistisch geprägten Ostmarkenpolitik im deutschen Kaiserreich zu und die Britin Maude Gonne wurde zu einer Verfechterin der irischen Unabhängigkeit. Die Autorin zeigt »die interferierenden Prozesse von Politisierung und Nationalisierung der Geschlechterverhältnisse« anhand zweier empirischer Beispiele auf. Ihr Insistieren auf »Ver/ortungen« im konkreten – beide Frauen leben lange Zeit ihres Engagements in Paris – wie im übertragenen Sinn – in der (männlich dominierten) Politik – eröffnet den Lesenden neue Perspektiven auf die parallele Konstituierung von Individuum und Nation.

Mariana Hausleitner macht in ihrem Beitrag auf ein in den hegemonialen Geschichtserzählungen bislang wenig beachtetes Phänomen aufmerksam: In der nach dem ersten Weltkrieg einer massiven Rumänisierungspolitik ausgesetzten Bukowina kooperierten nichtrumänische Organisationen – jüdische, deutsche und ukrainische – auf der Basis ethnisch organisierter Vertretung. Sie versuchten damit, ihren auf habsburgischen Traditionen und vom Völkerbund verbrieften Minderheitenrechten beruhenden Anspruch auf Autonomie in Schul-, Sprach- und Kulturpolitik zu verteidigen. Damit gerät ein Phaenomen in den Blick, das noch recht wenig systematisch untersucht wurde, nämlich interethnische Kooperation. Dieses Beispiel einer Politik der Interessenvertretung, das von den Nationalisierungsprozessen des rumänischen Zwischenkriegsstaates, später aber auch von nationalsozialistischen Einflüssen zerstört wurde, zeigt, dass es Versuche zur Lösung von »ethnischen« Konflikten, die gemeinhin als identity politics v.a. in den USA verortet werden , auch in Osteuropa gab.

Der Beitrag von Sandra Maß widmet sich der »Rheinischen Frauenliga« gegen die Rheinlandbesetzung nach dem Ersten Weltkrieg. Sie untersucht die Politik der die Liga tragenden Frauen und Frauenorganisationen aus der Frauenbewegung und die Veränderung der Themenfelder im Verlauf der Weimarer Republik. Dadurch kann sie zeigen, wie sich der rassistische zu einem nationalistischen Diskurs verschob. Ihr Fazit, dass das rassistische Selbstverständnis bestehen blieb, obwohl auf die rassistische Propaganda der ersten Nachkriegsjahre nicht mehr explizit Bezug genommen wurde, verweist darauf, wie eng die diversen Kollektivbildungen miteinander verbunden sein können.

Der letzte Beitrag des Hauptteils kritisiert von mehreren Seiten die »Vorstellung vom grundlegenden und unveränderlichen ‚Stammesprinzip‘ als Organisationsweise afrikanischer Gesellschaften«. Gesine Krüger zeigt am Beispiel der Geschichte der »Zulu-Nation«, wie neben Kolonial- und Kriegspolitik, Geschichtsschreibung im 19., 20. (und 21.) Jahrhundert auch Teile der neuen und alten afrikanischen Führungsschichten sich das Prinzip der »Stammesgesellschaften« zu eigen machten. Abschließend analysiert sie die Konzepte von »Zulu-Identität« im Briefwechsel zwischen der Missionarin Harriette Colenso und dem Zulu-Koenig Dinuzulu kaCetshwayo. Der Briefwechsel der beiden steht nicht nur im Kontext einer neu entstehenden Briefkultur, die der Selbst- und Gruppenvergewisserung diente, sondern verweist auch auf die durchaus vorhandenden Deutungsunterschiede im Bezug auf die »Zulu-Identitaet(en)«.

Im Mittelteil diskutiert Stefanie Schüler-Springorum auf der Grundlage eines neu erschienen Buchs die Folgen der »Ethnisierung des Alltags« im Baskenland. Sie kommt zu dem Schluss, dass dort »der Versuch eines modernen nation-building« stattfindet, »der einhergeht mit dem gewalttätigen und sozialen Ausschluss all jener, die nicht dazugehören wollen – so ‚baskisch‘ sie auch immer sein mögen.« Ihre Beschreibungen der Unsicherheit, Gefährdung und Bedrohung des Alltags gewinnen angesichts der hiesigen, allenfalls sporadischen Berichterstattung, die in erster Linie an der Sensationalität von Attentaten und einer europaweiten »Terrorismusbekaempfung« orientiert ist, aber vielleicht auch angesichts verbreiteter Sympathien für den Francogegner ETA an Aktualität und Brisanz.

Joachim Drews stellt die Ernährungspsychologie als ideologische Verbindung von Psychologie und Ernährungswissenschaften im Nationalsozialismus vor. Er geht den Versuchen einer staatlichen Beeinflussung der Nahrungswahl und der Appetiterziehung im Dritten Reich, die helfen sollten, die sog. Fettlücke zu schliessen, nach. Drews rückt aber auch eigensinnig handelnde und essende Menschen ins Blickfeld, denn: Das »ewige Butterbrot« konnten auch die NS-Ernährungspolitiker der deutschen Bevölkerung nicht abgewöhnen.

Der Tagungsbericht von Angelika Epple widmet sich der Geschlechtergeschichte »beyond the linguistic turn«. Ausgangspunkt der Tagung war der Versuch der Positionierung der Geschlechtergeschichte jenseits der Vorwürfe von Nischensuche und Beliebigkeit. Ihr Beitrag bilanziert die weiterhin bestehenden Spannungen zwischen den Kategorien diskursiver Konstruiertheit und subjektiver Erfahrung von Realität und beschreibt die mühsame Suche nach neuen Metanarrativen.

Jan-Holger Kirsch hat sich die Ausstellung »Holocaust« des Deutschen Historischen Museums in Berlin angesehen. Neben bewegenden Entdeckungen hat er auch konzeptionelle Defizite ausgemacht. Er plädiert für eine Historisierung der Darstellungskonventionen und regt an, die getrennten Präsentationsformen von Geschichte und Erinnerungsgeschichte zu überdenken.

Dietlind Hüchtker und die Redaktion