Editorial: Nr. 41 | klasse

Die Kategorie »Klasse« scheint ausgedient zu haben. Zumindest in Deutschland ist der Begriff aus der historischen Forschung zunehmend verschwunden. Wer nach neueren Ansätzen zur Geschichte der Arbeiterklasse in deutschen geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften sucht, wird heute kaum noch fündig werden. Dies hat in Deutschland zweifelsohne mit der besonders weitgehenden Kritik an älteren Vorstellungen einer männlich-weißen Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt zu tun, die im Gefolge der Studien über das Verhalten der Arbeiterschaft im Nationalsozialismus und über die Geschichte der DDR eingesetzt hat. Gerade in Bezug auf den Nationalsozialismus ist aber nach den fruchtbaren Anfängen, welche die soziale Lage und Praxis bei der Analyse vom »Hinnehmen und Mitmachen« der deutschen Bevölkerung mitberücksichtigt hat,[1] eine Erzählform entstanden, die häufig nur noch Führer und Verführte sieht und ansonsten keine Abstufungen mehr vornimmt. Die Verantwortung bürgerlicher und adliger Eliten in Militär, Bürokratie und Wirtschaft wird so nivelliert und mit dem »Hinnehmen und Mitmachen« einfacher Arbeiter auf eine Stufe gestellt.[2] Demgegenüber halten wir es für erforderlich, bei der Beschreibung der Handlungsmöglichkeiten einer Person auch ihre Herkunft und ihre Möglichkeiten der Verfügung über verschiedene Kapitalsorten zu berücksichtigen.
Wer aber über die Kategorie »Klasse« nachdenken will, kann nicht bei der Betrachtung der Arbeiterklasse stehen bleiben, sondern muss auch nach den oder der anderen Klasse(n) fragen. Dabei ist festzustellen, dass sich das Bürgertum, im Gegensatz zur Arbeiterklasse, in der deutschen Geschichtswissenschaft und im Feuilleton zurzeit großer Popularität erfreut. Die Beiträge im deutschen Feuilleton über bürgerliche Werte sind in den letzten Jahren kaum noch zu überblicken. Wer allerdings eine kritische Historiographie erwartet, wird mitunter enttäuscht werden: Insbesondere im Feuilleton, aber auch in einigen geschichtswissenschaftlichen Veröffentlichungen wird das Bürgertum klassenlos konzipiert, und damit das alles integrierende Harmonieideal des bürgerlichen Idealismus in den Mittelpunkt der Analyse gestellt und letztlich als für alle gleichermaßen geltender Standard angenommen, wodurch soziale Unterschiede aus dem Blick geraten.[3] Um dieses Bild konstruieren zu können, wird häufig auf eine sozialhistorische Fundierung der Erkenntnisse verzichtet und stattdessen rein ideen- und mitunter auch noch kulturgeschichtlich argumentiert.
Das Ziel einer alltags- und kulturhistorisch orientierten Zeitschrift kann es nun sicherlich nicht sein, deswegen kulturgeschichtliche Ansätze zu verdammen. Ganz im Gegenteil stellen viele der Beiträge zur bürgerlichen Kultur eine Bereicherung dar. Insbesondere die Nutzung Bourdieuscher Konzepte sowie die Ansätze, die Herrschaft als soziale Praxis verstehen, haben sich als fruchtbar für eine kritische Geschichtsschreibung über das Bürgertum erwiesen. Diese Ansätze gilt es weiter zu verfolgen, aus ihrer einseitigen Beschränkung auf die bürgerliche Kultur zu befreien und auch für eine Kulturgeschichte der Arbeiterbewegung nutzbar zu machen. Neben der Verfolgung eines kulturgeschichtlichen Blicks auf die Arbeiterklasse, wäre es unserer Meinung nach auch wichtig, die feministische, die antirassistische, die diskurstheoretische und die postkoloniale Kritik an der alten Arbeitergeschichtsschreibung aufzunehmen und von diesem Ausgangspunkt noch einmal über den Klassenbegriff nachzudenken.
Wir meinen, dass es für eine kritische Geschichtswissenschaft nach wie vor wichtig und hilfreich ist, Klasse als analytische Kategorie zu nutzen. Deswegen verstehen wir unser Heft als Versuch, die kreativen Potentiale des Klassen-Begriffs erneut in den Blick zu nehmen. Vielleicht ist die Zeit dafür auch gerade in Deutschland günstig, nachdem die Hitze der Debatten der 1980er und frühen 1990er Jahre etwas abgekühlt ist und möglicherweise die Bereitschaft besteht, verhärtete Positionen zu verlassen und abzuwägen, was heute noch Bestand haben kann. [4]
Auch in den deutschen Publikationen der letzten Jahre gibt es Tendenzen, die uns hoffen lassen, dass eine neue Debatte sinnvoll und fruchtbar sein kann. So sind die für eine Neuformulierung des Klassenbegriffs wichtigen Arbeiten von Michel Foucault und Pierre Bourdieu nicht nur ins Deutsche übersetzt, sondern inzwischen auch innerhalb der Geschichtswissenschaft rezipiert und für empirische Arbeiten genutzt worden. Im Gefolge der Anti-Globalisierungsbewegung ist zudem ein Interesse an einer politischen Neu- oder auch Reorientierung entstanden. Die größte Aufmerksamkeit erhielt zweifelsohne Michael Hardts und Antonio Negris »Empire«.[5] Negri entwickelt darin seine operaistische These vom Massenarbeiter fort und sieht nun den gesellschaftlichen Arbeiter im Zentrum der heutigen Produktion.[6] Dabei handelt es sich für die Autoren nicht um eine neue Arbeiterklasse, sondern um ein neues Proletariat, das sie unter dem Begriff Multitude fassen und von dem die industrielle Arbeiterklasse nur einen Teil bildet. Ob der stark philosophisch gehaltene Entwurf die teils enthusiastischen Reaktionen auf das Werk bestätigen wird, die vom »Kommunistischen Manifest« des 21. Jahrhunderts sprechen, bleibt abzuwarten. Ohne Zweifel hat das Buch aber eine Diskussion in Gang gebracht, die nach den Subjekten eines möglichen Widerstands fragt.
Auch in der historischen Forschung sind in den letzten Jahren einige Neuorientierungsversuche für eine Geschichte der Arbeiterbewegung entstanden, die vor allem transnationalen Ansätzen verpflichtet sind und zum Teil in deutscher Sprache vorliegen. Marcel van der Linden versucht, mit seiner Beschreibung einer Welt-Arbeiterklasse das eng gefasste traditionell-marxistische Konzept der Arbeiterklasse zu erweitern und für aktuelle Entwicklungen zu öffnen und dabei insbesondere der Beziehung von freier und unfreier Arbeit sowie der Bedeutung subalterner Arbeiter auf die Spur zu kommen.[7] Beverly J. Silver hat aus weltsystemtheoretischer Sicht einen Entwurf zur Beschreibung der globalen Kämpfe der Arbeiterbewegung seit 1870 vorgelegt, in dessen Zentrum die These von der globalen, zeitversetzten Ausbreitung von Arbeitskämpfen in den industriellen Leitsektoren steht. Auch wenn man Skepsis gegenüber ihrer Vorstellung einer globalen Leitfunktion eines Sektors hegen mag, ist ihre detaillierte Beschreibung der Ausbreitung der Kämpfe überzeugend.[8] Andere bedeutende Arbeiten sind bis heute nicht ins Deutsche übersetzt: Zu denken wäre hier insbesondere an Kathleen Cannings Studie aus dem Jahr 1996, die Klasse und Geschlecht nicht als Idealtypen untersucht, die von Stoff und Inhalt abstrahiert werden können, sondern der Bedeutung der Wörter im gelebten Bereich, in den umkämpften Aneignungen von Bedeutung nachgeht. [9]
Dies waren einige der zentralen Anregungen für uns, ein Heft über Klasse ins Auge zu fassen. Wir haben uns dafür entschieden, den Blick in diesem Heft auf die Geschichtsschreibung in anderen Ländern und Kontinenten zu richten, die im Vergleich zu Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder den USA selten im Fokus des deutschen Interesses stehen, um zu prüfen, ob die Diskussion um den Begriff »Klasse« dort anders verlaufen ist und möglicherweise hilfreiche Konzepte und Ideen hervorgebracht hat.
Einen der innovativsten Ansätze, der in den letzten Jahren breit rezipiert wurde, bilden die indischen Subaltern Studies. Vinayak Chaturvedi beschreibt die Entwicklung dieser Forschungsrichtung durch Ranajit Guha in den frühen 1980er Jahren und insbesondere dessen Rezeption und Modifikation Antonio Gramscis. Chaturvedi folgt im Weiteren den verschiedenen Verästelungen der indischen Diskussion und prüft dabei, welche Rolle der Klassenbegriff bei den jeweiligen Autoren der Subaltern Studies spielt. Er kommt zu dem Fazit, dass sich die Subaltern Studies zwar zunehmend vom historischen Materialismus gelöst haben, dass aber immer noch Verbindungspunkte existieren und möglicherweise nun die Zeit gekommen ist, neu über diese Verbindungen nachzudenken.
Deutlich weniger wurden in der Bundesrepublik in den letzten Jahren die lateinamerikanischen Ansätze zur Kenntnis genommen. Aber gerade hier hat sich eine eigenständige Geschichtskultur entwickelt, die neue Themen prägt und anders besetzt. Heidi Tinsman wirft in ihrem Beitrag einen kritischen Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre und interessiert sich dabei insbesondere für die Schnittpunkte zwischen feministisch und marxistisch argumentierenden Arbeiten. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass in Lateinamerika historische Arbeiten, welche die Rolle der Frauen bei der Arbeit untersuchen, erst in den letzten zehn Jahren geschrieben werden und somit weit später als in den USA oder Europa einsetzten. Im Gegensatz zu den dortigen Arbeiten gibt es aber bei den lateinamerikanischen Studien keine geradlinige Abkehr von marxistischen Einflüssen. Deswegen hat sich in Lateinamerika eine stärker integrative Forschungsrichtung entwickelt, die, so dass Ergebnis der Autorin, auch der hiesigen Diskussion wichtige Impulse zu geben vermag.
Der letzte Themenaufsatz beschäftigt sich nicht mit den aus hiesiger Sicht peripheren Gebieten industrieller Latecomer, sondern mit benachbarten, frühen Zentren von Industrialisierung und Arbeiterbewegung. Aufgrund der langjährigen Machtbeteiligung von Parteien der Arbeiterbewegung galten die skandinavischen Staaten und ihr Umverteilungsstaat vor allem in den 1950er und 1960er Jahren als idyllische Orte des Klassenkompromisses. Wie Flemming Mikkelsen zeigt, endete diese Ruhe aber abrupt zu Beginn der 1970er Jahre. Streiks, Demonstrationen und Kundgebungen wurden fast alltäglich und haben sich in ihrer Anzahl auch heute noch nicht wieder dem niedrigen Niveau der 1950er und 1960er Jahre angeglichen. Mikkelsen untersucht in seinem Aufsatz die unterschiedlichen Aktivitäten sowohl qualitativ wie quantitativ und versucht, eine Korrelation zwischen Protesten sowie politischen und sozialen Entwicklungen herzustellen. Sein Fazit: Klasse ist für die Analyse der Proteste eine zentrale Kategorie und für die Entwicklung des skandinavischen Arbeitsmarktes sind die Auswirkungen des EU-Binnenmarktes bedeutsamer als die Globalisierung.
In der Rubrik »Werkstatt« analysiert Rudolf Oswald Fußballclubs in städtischen Ballungszentren der Weimarer Republik als Symbole lokaler Identität. Anhand des Phänomens des aufkommenden Vereinsfanatismus, der sich im dramatischen Anstieg von Gewaltausbrüchen im Fußballstadium äußerte, beobachtet er die Entwicklung des Rasensports zur Populärkultur. Auch wenn die Ursachen vieler Auseinandersetzungen zunächst auf die Spannungen zwischen proletarischem Vorortpublikum und »bürgerlichen« Vereinen zurückzugehen scheinen, kommt Oswald doch zu dem Schluss, dass der Kampf um den Raum des Stadiums von Angehörigen lokaler Subkulturen klassen- und schichtübergreifend geführt wurde.
Im Tagungsbericht bespricht Marc Buggeln die epochenübergreifende Tagung Unfreie Arbeit. Ökonomische, rechtliche und geistesgeschichtliche Perspektiven des Trierer Graduiertenkollegs »Sklaverei – Frondienst und Knechtschaft – Zwangsarbeit« vom Oktober 2005. Er hebt vor allem den interdisziplinären Ansatz der Begegnung hervor, zu der neben HistorikerInnen auch VertreterInnen von NGOs, und WissenschaftlerInnen aus der Philosophie, Rechts- und Sprachwissenschaft zusammen kamen. Besondere Aufmerksamkeit widmet er Beiträgen, die durch klare begriffliche Definitionen eine Vergleichsebene zwischen den verschiedenen Epochen herzustellen versuchten.
In der Expokritik widmen sich Julia Kramer und Christiane Hess der Ausstellung »Bilder verkehren«, die im Frühjahr 2005 im Rahmen der „3. Triennale der Photographie“ im Kunsthaus Hamburg zu sehen war. Die Ausstellung behandelte vor allem die Bedeutung von Bildpostkarten in der visuellen Kultur des deutschen Kolonialismus.

Marc Buggeln, Geoff Eley und die Redaktion

Anmerkungen
[1] Vgl. Alf Lüdtke, Die Praxis von Herrschaft: Zur Analyse von Hinnehmen und Mitmachen im deutschen Faschismus, in: Brigitte Berlekamp/ Werner Röhr (Hg.), Terror, Herrschaft und Alltag im Nationalsozialismus. Probleme einer Sozialgeschichte des Faschismus, Münster 1995, S. 226-245.
[2] Insbesondere das Institut für Zeitgeschichte in München betreibt eine Geschichtsschreibung, die nur noch wenige führende Nationalsozialisten als Täter kennt und den Rest der Deutschen einheitlich als Verführte beschreibt. Vgl. Horst Möller/ Volker Dahm/ Hartmut Mehringer (Hg.), Die tödliche Utopie. Bilder, Texte, Dokumente, Daten zum Dritten Reich, München 2002 (4. Auflage). Zur Kritik: Marc Buggeln, Die Dokumentation Obersalzberg. Wie sich das Institut für Zeitgeschichte an seinem Anspruch verhebt, in: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland (2005) 9, S. 159-164. Ähnliches gilt aber auch für das äußerst publikumswirksame Buch »Hitlers Volksstaat« von Götz Aly, in dem er die Erkenntnisse seiner früheren Bücher auf den Kopf stellt und der unterschwellige Tenor entsteht, dass die bürokratisch-bürgerlichen Eliten ein mäßigendes Element gegenüber den sich radikalisierenden Volksmassen darstellten.
[3] Vgl. neben dem großen Stichwortgeber Paul Nolte, der inzwischen auch eher psychologisierend als historisierend schreibt, z. B. auch Manfred Hettling, Bürgerlichkeit im Nachkriegsdeutschland, in: Ders./ Bernd Ulrich (Hg.), Bürgertum nach 1945, Hamburg 2005, S. 7-37, insb. S. 12.
[4] Für einen solchen Versuch in der US-Geschichtswissenschaft: Geoff Eley/ Keith Nield, The Future of Class in History: What’s Left of the Social?, Ann Arbor (im Erscheinen).
[5] Michael Hardt/ Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/ New York 2002 (engl. Erstausgabe 2000), siehe auch Angelika Epple, Ökonomie, Biomacht und die Geschichte in Zeiten der Globalisierung. Eine kritische Lektüre von Michael Hardts und Antonio Negris Empire, in: WERKSTATTGESCHICHTE (2003) 34, S. 76-87.
[6] Der Operaismus war eine wichtige Strömung innerhalb der italienischen Arbeiterbewegung und Negri einer der bedeutendsten Theoretiker der Bewegung. Der Operaismus zeichnete sich vor allem durch seine Kritik leninistischer Parteiavantgarde-Vorstellungen und seine Betonung der Bedeutung der Ansichten und Kämpfe der Arbeiter aus. Vgl. dazu jetzt: Steve Wright, Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus, Berlin 2005.
[7] Vgl. zuletzt Marcel van der Linden, Plädoyer für eine historische Neubestimmung der Welt-Arbeiterklasse, in: Sozial.Geschichte 20 (2005) 3, S. 7-28.
[8] Vgl. Beverly J. Silver, Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin/ Hamburg 2005.
[9] Kathleen Canning, Languages of Labor and Gender. Female Factory Work in Germany 1850-1914, Ithaca 1996 und neuerdings dies., Gender History in Practice: Historical Perspectives on Bodies, Class, and Citizenship, Cornell 2006.