Nr. 70 | arbeit begrenzen entgrenzen | Abstract

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Jan Taubitz

[ DEUTSCH | ENGLISH | Kurz-Bio]

Der Holocaust als Anfang oder als Höhepunkt? Die narrative Modellierung von Zeitzeugeninter­views vor und nach 1978/1979

Der Aufsatz diskutiert die wechselseitigen Beziehungen von fiktionalisierten und nicht-fiktionalen Erzählungen über die Vergangenheit. Interviews mit Überlebenden des Holocaust und die sie produzierenden, speichernden und verbreitenden Institutionen werden in Beziehung zu einer fiktionalisierten TV-Serie gesetzt. Damit stehen sich zwei nur selten als zusammengehörend betrachtete Medialisierungen der Vergangenheit gegenüber.
Zwischen 1973 und 1975 interviewte die William E. Wiener Oral History Library des American Jewish Committee 250 jüdische Zeitzeugen des Holocaust und ihre Angehörigen. Diese Interviews bieten einen faszinierenden Einblick in die Wahrnehmung und Repräsentation des Holocaust in der ersten Hälfte der 1970er Jahre und somit in eine Zeit unmittelbar vor der bedeutsamen Transformation der Erinnerungskultur in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Westeuropa. 1978 katapultierte die NBC-Miniserie Holocaust das Ereignis in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit und das U.S. Holocaust Memorial Council wurde ein wichtiger Akteur der Institutionalisierung der Erinnerung. 1979 begann das Holocaust Survivors Film Project, das heutige Fortunoff Video Archive, videografierte Zeitzeugeninterviews aufzunehmen. Diese Interviews entwickelten sich zu einem zentralen Element der Erinnerungskultur und wurden stilbildend für nachfolgende Projekte, beispielsweise für die 1994 von Steven Spielberg gegründete Shoah Foundation.
Der Aufsatz vergleicht Interviews, die vor und nach 1978/1979 entstanden, und zeigt, wie maßgeblich sich die Zeugnisse in ihrer narrativen Modellierung und ihren ideologischen und wissenschaftlichen Ansprüchen unterscheiden. Mit Bezug auf Hayden White’s „Metahistory“ wird argumentiert, dass sich seit Ende der 1970er Jahre die narrative Modellierung von Zeitzeugeninterviews und Populärkultur – obwohl diese dazu neigen, sich voneinander abzugrenzen – angeglichen hat.

[ ENGLISCH | DEUTSCH]

The Emplotment of the Holocaust in Survivors‘ Testimonies before and after 1978/1979

The essay discusses the inevitable interlacement of fictionalized and non-fictional narratives about the past. It focuses on the relations between NBC’s miniseries Holocaust and oral history interviews of the Holocaust. By comparing oral histories conducted before and after 1978/1979, the essay shows how significantly these interviews differ in their emplotment (narrative structure) and their ideological and scholarly objectives. It becomes obvious how socio-cultural processes and media events influence the representation of the Holocaust, i.e. the form and content of the interviews as well as the individual memories of the survivors. By employing Hayden White’s “Metahistory” the article argues that television and eyewitness accounts mirror each other’s narrative – although they reveal a strong inclination to distance themselves from one another.

Kurz-Bio: Jan Taubitz

Historiker; seit 2015 Referendar an der Staatsbibliothek zu Berlin. Der Artikel in diesem Heft basiert auf Forschungen zu seiner Dissertation »Holocaust Oral History und das lange Ende der Zeitzeugenschaft« (Wallstein 2016).

E-mail: jantaubitz@gmx.de

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