Nr. 59 | sichtbar/verborgen | Abstract

Zurück zum Inhalt

Silvan Niedermeier

[ DEUTSCH | ENGLISH | Kurz-Bio]

»I didn’t rape that lady«: ›Rasse‹, Vergewaltigung und Zeugenschaft in den US-amerikanischen Südstaaten, 1930–1945

Der Beitrag untersucht die performativen Dimensionen von Vergewaltigungsprozessen gegen afroamerikanische Angeklagte im US-amerikanischen Süden der 1930er und 1940er Jahre des 20. Jahrhunderts. Wie gezeigt wird, zielten diese Prozesse darauf ab, die durch die mutmaßlichen Vergewaltigungen weißer Frauen durch schwarze Männer infrage gestellte „Rasse“- und Geschlechterordnung des Südens wiederherzustellen. Aufgrund ihrer symbolischen Bedeutung war afroamerikanischen Angeklagten eine inferiore Position in diesen Verfahren zugedacht. Der Fall Robinson/Daniels aus Alabama zeigt jedoch, dass es sich bei der Wahrheitsfindung vor Gericht um einen hochgradig umkämpften Prozess handelte, in dem afroamerikanische Angeklagte über – wenn auch beschränkte – Möglichkeiten zur Intervention verfügten. Ihre Aussagen vor Gericht lassen sich als Praxis der Selbstbehauptung lesen. Zugleich jedoch offenbart der Ausgang des Falls die Grenzen afroamerikanischer Zeugenschaft. Das Unvermögen, den Vorwurf der Folter vor Gericht zu Gehör zu bringen, verdeutlicht den anhaltend prekären Status afroamerikanischer Angeklagte innerhalb der zeitgenössischen rassistischen Ordnung des Südens.

[ ENGLISCH | DEUTSCH]

»I didn’t rape that lady«: ›Race›, Rape and Testimony in the American South, 1930–1945

This paper examines the performative dimensions of rape trials against African American defendants in Southern courts during the 1930s and 1940s. As I show, these trials were used to reestablish the hegemonic race and gender order of the South that had been put into question by the alleged rape of white women by black men. Due to their symbolic meaning, African American defendants were expected to play an inferior role in those trials. The case of Robinson/Daniels from Alabama, however, shows that the process of truth-seeking in court was highly contested. It offered African American defendants multiple – although limited – possibilities to intervene. Their testimony in court can be interpreted as a form of self-assertion in the face of a highly discriminatory legal system. At the same time, the case accounts for the limits of African American testimony in court. The inability to make their torture allegations heard in court highlights the precarious state of African American defendants within the racist order of the South at the time.

Kurz-Bio: Silvan Niedermeier

Historiker, ist Postdoktorand an der Forschungsplattform Weltregionen und Interaktionen – Area Studies Transregional der Universität Erfurt und arbeitet an einem Projekt zu Fotografie, Gewalt und dem imperialen Subjekt im philippinisch-amerikanischen Krieg (1898– 1914). Seine Forschungsinteressen umfassen die Geschichte der Gewalt, Imperialismus- und Kolonialgeschichte, postkoloniale und subjekttheoretische Ansätze sowie die historische Bildforschung. 2011 schloss er seine Dissertation an der Universität Erfurt ab. Sie trägt den Titel Forced Confessions: Folter, Rassismus und Bürgerrechte in den US-amerikanischen Südstaaten (1930– 1955).
E-Mail: silvan.niedermeier@uni-erfurt.de

Zurück zum Inhalt