Nr. 41 | klasse | Abstract

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Rudolf Oswald

[ DEUTSCH | ENGLISH | Kurz-Bio]

»Bieber-Eck« und »Essig-Haas-Seite«: Fußball als Kampf um die Beherrschung lokaler Räume im Deutschland der Zwischenkriegszeit

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Fußball in Deutschland von Gewaltexzessen erschüttert. Schlägereien unter Fangruppen und verprügelte Schiedsrichter waren seit 1919 an der Tagesordnung. Der Aufsatz thematisiert eine Ursache für die sprunghaft gestiegene Zahl an Ausschreitungen: die Aneignung des Fußballs durch »partikulare Gemeinschaften«.
Unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg drängten Angehörige der Arbeiterschicht, die bis 1914 der Sportart fern standen, an die Fußballfelder. Allerdings konstituierte nicht die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, sondern die unmittelbare Nachbarschaft – das Viertel – die Identität dieses urbanen Proletariats. Mit dem zunehmenden Interesse der Arbeiter am Fußball avancierte schließlich der vor Ort ansässige bürgerliche DFB-Klub zum Symbol der lokalen Gemeinschaft. Das Ergebnis waren Fußballsubkulturen, deren soziale Strukturen quer zu Klasse und Milieu verliefen.
Aufgrund der kleinteilig organisierten Meisterschaften traf ein Klubanhang am Spielfeldrand meist auf Fans aus benachbarten Stadtteilen. Das Stadion geriet so zum Schauplatz von Lokalrivalitäten. Tribünenabschnitte wurden besetzt und gegen feindliche Gruppen mit Gewalt verteidigt. Das Spiel selbst wurde zum Symbol: Niederlagen des Teams waren Niederlagen des Viertels, die oftmals noch im Stadion gerächt wurden.

[ ENGLISCH | DEUTSCH]

»Bieber-Eck« and »Essig-Haas-Seite«: Football as a battle for the control of local space in Interwar-Germany

During the 1920s and 1930s, football in Germany was struck by shockwaves of violence. From 1919 onwards, fights among supporters as well as beaten up referees were nothing unusual. The essay makes the main cause of these riots a subject of discussion: the acquisition of football by »particular communities«(»partikulare Gemeinschaften«).
Immediately after World War I, members of the working class, who had shown hardly any interest in the game before 1914, were crowding the football pitches. However, the identity of this urban proletariat was formed decisively not only by class but also by the neighbourdhood, which is why the subcultures usually accepted local bourgeois sports clubs as symbols of their community.
As the championships were organised on a small-scale regional level, a fan club often met with supporters of neighbouring quarters at the pitches. Thus, the stadium became the scene of local rivalries. Stands were occupied and defended by means of violence against other fan groups. Finally, the game itself turned into a symbol: drubbings of the own team were considered to be defeats of the quarter, and frequently, the »disgrace« was avenged immediately – on referees, players and rival supporters.

Kurz-Bio: Rudolf Oswald

Historiker, promoviert an der LMU München zum Thema »Deutschland als ‚Fußball-Volksgemeinschaft’«. Stipendiat der Gerda-Henkel-Stiftung.
E-Mail: rudolf.oswald@worldonline.de

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